Vortrag Prof. B. Weyel am 21. Mai 2019 im Gemeindehaus Lamm, Ev. Stiftskirchengemeinde. Veranstaltende: Offene Kirche, Bunt fürs Leben und adis e.V.

Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare im öffentlichen Gottesdienst? Der Synodenbeschluss der Landeskirche schreibt die Diskriminierungsgeschichte in Württemberg fort.
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„Nach langem Ringen hat die Landessynode die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare möglich gemacht. Einem ‚Gesetz zur Einführung eines Gottesdienstes anlässlich einer Eheschließung zwischen zwei Personen gleichen Geschlecht‘ stimmten die Synodalen mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit zu.“1 So lautet der Bericht aus der Synode im März diesen Jahres.

Auf den ersten Blick scheint ein Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung für alle Paare auch in Württemberg möglich geworden zu sein. Und tatsächlich wird diese Deutung öffentlichkeitswirksam präsentiert. Mehrfach ist vom „Ringen“ um eine „Ermöglichung“ der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in einem öffentlichen Gottesdienst die Rede. „Erleichterung nach langem Weg“ lautet die Überschrift über dem Interview mit dem Landesbischof, der davon spricht, dass die Bemühungen „jetzt auch zu einem Ziel geführt haben“ und sich durch das neue Gesetz „eine Tür öffnet in der Kultur der Landeskirche“.2
Auch die Presse in Gestalt des Steinlach-Boten im Schwäbischen Tagblatt eignete sich die Deutung vom erreichten „Kompromiss“ an. „Für evangelische homosexuelle Paare gab es kürzlich einen Grund zur Freude: Die Synode der Evangelischen Landeskirche Württemberg beschloss, dass sich interessierte Paare künftig auch offiziell den Segen ihres Pfarrers abholen können. Württemberg war mit Schaumburg-Lippe die letzte Landeskirche, in der es keine gottesdienstliche Segnung homosexueller Paare gab.“3

Dass aus meiner Sicht kein Grund zur Freude oder zur Erleichterung besteht, werden Sie dem Titel meines Vortrags entnommen haben. Tatsächlich wird durch das Gesetz die Diskriminierungsgeschichte in der Evangelischen Landeskirche fortgeschrieben, weil eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen homosexuellen und heterosexuellen Ehepaare nicht nur beibehalten, sondern ausdrücklich festgehalten und theologisch zementiert wird. Diese Diskriminierung geht m.E. nicht nur – wie mehrfach behauptet, u.a. auch vom Landesbischof in einem Interview – eine Minderheit4 an, sondern alle evangelischen Christen, weil ganz grundsätzlich das Verständnis dessen berührt ist, was die Trauung in der Evangelischen Kirche bedeutet und was es für die Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns in der Gegenwart bedeutet, wenn Menschen in einer Kirche, die sich auf das Evangelium beruft, diskriminiert werden.

Tatsächlich blicken wir in Kirche und Gesellschaft auf eine lange Diskriminierungsgeschichte zurück, die nunmehr in der Evangelischen Landeskirche Württemberg fortgeschrieben werden soll.

Mein Vortrag ist in drei Teile gegliedert.
1. Warum ist von Diskriminierung zu sprechen?,
2. Was bedeutet eigentlich die Trauung in der evangelischen Kirche?, und
3. Wie kann es weitergehen? Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit von Kirche.

1. Warum Diskriminierung?

Die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau als heilige Norm

Von Diskriminierung ist nicht nur in Hinsicht auf viele Voten von Synodalen in den langen Debatten zu sprechen, die man den gedruckten Protokollen entnehmen kann.5
Eine Diskriminierung wird auch ausdrücklich in dem Gesetzentwurf, der am 1. Januar 2020 in Kraft treten soll, festgeschrieben. Dieser Entwurf, der in den Theologischen Ausschuss und in den Rechtausschuss geht, um dort weiter beraten zu werden, hat eine feierliche Präambel, in der Grundsätze zum Verständnis von Ehe, Trauung und Segnung fest gehalten werden. Dort heißt es gleich im 1. Artikel:
„Überliefert ist nach der Heiligen Schrift und den Bekenntnissen der Reformation der Charakter der Ehe zwischen Mann und Frau als weltlich Ding und göttlicher Stand. Die Auslegung von Schriftstellen im Alten Testament (Lev 18,22; 20,13) und im Neuen Testament (Röm 1,24–27), die sich auf gleichgeschlechtliche Liebe beziehen, ist uneinheitlich. Über die Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Begleitung zweier Menschen gleichen Geschlechts durch die Kirche anlässlich der bürgerlichen Eheschließung besteht Streit, ohne dass die Einheit der Kirche in Christus in Frage gestellt wird.“6
In diesem Artikel wird die Ehe zwischen Mann und Frau als Gegenstand christlicher Überlieferung und zugleich als schrift- und bekenntnisgemäß behauptet. Das ist theologisch nicht haltbar und es ist diskriminierend, weil hier von vornherein die eheliche Lebensgemeinschaft als eine Ehe zwischen einem Mann und einer Frau verstanden wird. Sie sei die Norm, so die Begründungslogik. Sie sei Teil christlicher Überlieferung, sie entspreche der Heiligen Schrift, sie entspreche den Bekenntnissen. Dass davon keine Rede sein kann, werde ich gleich noch näher begründen. An dieser Stelle ist es wichtig, die rhetorische Strategie wahrzunehmen, dass die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau religiös aufgeladen wird, sie wird zu einem Gegenstand des Bekenntnisses mit allem, was der Protestantismus an Autoritäten (Schrift und Bekenntnis) aufzubieten hat, sie wird sakralisiert. Von dieser Norm ausdrücklich unterschieden wird die Ehe bzw. Lebenspartnerschaft von zwei Menschen gleichen Geschlechts.
In § 1 Grundsatz heißt es: „Nach Maßgabe der landeskirchlichen Ordnung erfolgt die Begleitung von zwei Personen gleichen Geschlechts anlässlich der bürgerlichen Eheschließung im Rahmen der Seelsorge. Daneben kann nach Maßgabe dieser Ordnung in einer begrenzten Zahl von Kirchengemeinden oder Verbundkirchengemeinden aus diesem Anlass ein öffentlicher Gottesdienst stattfinden.“7
Ausdrücklich wird also festgehalten, dass ein öffentlicher Gottesdienst für gleichgeschlechtliche Ehepaare im Grundsatz nicht möglich sind. Die als Regelfall für gleichgeschlechtliche Ehepaare vorgesehene Begleitung „im Rahmen der Seelsorge“ bedeutet: kein Gottesdienst, denn Gottesdienste sind öffentlich, vielmehr eine nichtöffentliche Segnung des Paares durch den Pfarrer oder die Pfarrerin. Das heißt: keine Abkündigung, keine amtliche Fürbitte, kein Glockengeläut, keine Anwesenheit der Gemeinde, kein Eintrag ins Kirchenbuch, keine liturgische Feier. Der Begriff der Seelsorge steht in diesem Fall für Nichtöffentlichkeit. Und er suggeriert auf subtile Art und Weise als wäre das Paar seelsorgebedürftig, als hätte es ein Problem, einen besonderen Beratungsbedarf etc. Hier wird, nebenbei gesagt, die Seelsorge als zentrales Handlungsfeld der Kirche missbräuchlich aufgerufen. Karikierend bringt es eine Synodale auf den Punkt: „Da ist sie wieder – die sorgenbedürftige Seele der gefallenen Schöpfung.“8
Und nun soll es „daneben“, d.h. neben dieser diskriminierenden Maßgabe, die Möglichkeit geben, einen öffentlichen Gottesdienst zu feiern, freilich unter besonderen Bedingungen, die in § 2 dargelegt werden: es bedarf einer ¾ Mehrheit in den Kirchengemeinden und zwar sowohl im Kirchengemeinderat als auch unter den Pfarrern/innen der Gemeinde. Ausdrücklich ist in einer Negativformulierung festgehalten, dass die Gemeinden klären sollen, dass ein öffentlicher Gottesdienst „dem in der Heiligen Schrift gegebenen und in den Bekenntnissen der Reformation bezeugten Evangelium nicht widerspricht“9.
Die Begründungspflicht liegt somit nicht bei denen, die diskriminieren, sondern bei denen, die diese in einer örtlichen Gottesdienstordnung überwinden wollen. Man wird die Verweisung an die Kirchengemeinden auch nicht als Demokratiegewinn sehen können, weil der Oberkirchenrat das Initiativ- und Entschließungsrecht behält. Zudem ist die Zahl der Gemeinden innerhalb der Landeskirche von vornherein auf ein Viertel gedeckelt, das sind etwa 325 Kirchengemeinden.
Ich denke, dass der entscheidende Punkt sehr deutlich wird, wenn man sich den jüngsten Gesetzesentwurf anschaut: Die Differenzierung zwischen Homosexualität und Heterosexualität in ehelichen Gemeinschaften wird zu einer kategorialen Grenzziehung und fundamentalen Ordnungskonstruktion gemacht.
Diese Grenzziehung manifestiert sich in dem in diesem Zusammenhang entwickelten Begriff der Ehe als einer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau als ‚heiliger‘ Norm und den entsprechenden diskriminierenden Konsequenzen hinsichtlich der kirchlichen Trauung für die, die dieser willkürlich gesetzten Norm nicht entsprechen. Während der bürgerliche Gesetzgeber jede Unterscheidung, zuletzt, im Oktober 2017, auch die zwischen der Ehe und einer eingetragener Lebensgemeinschaft, aufgegeben hat, schreibt die evangelische Kirche in Württemberg in ihrer Präambel diese Differenzierung im Rückgriff auf vermeintlich göttliche – und damit kategorial unverfügbare – Ordnungen fest.
Menschen werden anlässlich ihrer Eheschließung in der Kirche auf ihre sexuelle Orientierung reduziert, für die überhaupt nur zwei Ordnungskategorien zur Verfügung stehen: heterosexuell oder gleichgeschlechtlich. Es geht also nicht um den institutionellen Charakter der Ehe, sondern nur um die Sexualität in dieser Ehe und diese wird wiederum auf das Geschlecht (antigenderistisch i.S. von Sex) der Beteiligten reduziert. Im Anschluss an Michel Foucault formuliert, wird in dieser Debatte das Dispositiv der Allianz, das bei der ehelichen Verbindung das zentrale ist, überlagert und überformt vom diskursiven Dispositiv der Sexualität.10
Hinzuweisen ist auch auf die problematischen Rahmenbedingungen des kirchlichen Diskurses. Die Debatte ist in vielfältiger Hinsicht von Asymmetrie geprägt. Die Synode hat die Macht, über die ‚Ermöglichung‘ und ‚Nichtermöglichung‘ eines öffentlichen Traugottesdienstes für Ehepaare zu entscheiden. Es wird über sie gesprochen und die kategoriale Unterscheidung zwischen Mehrheit (Ehen heterosexueller Orientierung) und Minderheit (Ehen homosexueller Orientierung) konstruiert, bei dem die Mehrheit darüber berät, diskutiert und entscheidet, ob die Minderheit eine öffentliche Segnung anlässlich ihrer Eheschließung in Anspruch nehmen darf, ob es ihr erlaubt wird oder nicht; zugespitzt formuliert: Ob ihr der Segen Gottes für ihr gemeinsames Leben zugesprochen oder verweigert wird. Gleichgeschlechtliche Paare werden hier von vornherein distanziert, sie werden verandert11,
also zu anderen gemacht. Diese Asymmetrie, so steht zu befürchten, wird nun in den Gemeinden reproduziert werden, wenn diese begründen sollen, dass ein öffentlicher Gottesdienst „dem in der Heiligen Schrift gegebenen und in den Bekenntnissen der Reformation bezeugten Evangelium nicht widerspricht“. Dass die Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Ehepaaren theologisch nicht zu halten ist, darauf möchte ich nun 2. zu sprechen kommen.


2. Was bedeutet eigentlich die Trauung in der evangelischen Kirche?


Die evangelische Trauung ist ein Gottesdienst, der anlässlich der zivilrechtlichen Eheschließung stattfindet und den man als anlassbezogenen Passageritus verstehen kann. Den Eheleuten wird der göttliche Segen für das gemeinsame Leben zugesprochen und es wird für sie Fürbitte gehalten. Die Trauung ist insofern keine Eheschließung, sondern sachgemäß als eine öffentliche Segnung anlässlich einer Eheschließung zu beschreiben. Zwar agierte der evangelische Pfarrer noch bis 1875 zugleich als Standesbeamter, doch wurde bereits seit der Reformation zwischen dem bürgerlichen Rechtsakt und der gottesdienstlichen Amtshandlung unterschieden, indem die Eheschließung vor der Kirchentür stattfand und das Paar als bereits verheiratetes Ehepaar (und nicht etwa als Brautpaar) zur Trauung einzog.
Es ergibt von daher keinen Sinn, wenn man zwischen einer Trauung und einem öffentlichen Gottesdienst anlässlich einer Eheschließung unterscheidet. Das ist nochmal ausdrücklich zu betonen, weil in dem Gesetzesentwurf an keiner Stelle von einer Trauung gesprochen wird. Dieser Begriff bleibt in jedem Fall den heterosexuellen, evangelischen Paaren vorbehalten. 2017 gab es den Vorschlag seitens des OKR nur von einer Amtshandlung zu reden. Aber die evangelische Trauung ist eine Segnung unter Anteilnahme der Gemeinde. Sie findet in einem öffentlichen Gottesdienst statt und ist zugleich eine Amtshandlung, für die ein Pfarrer bzw. eine Pfarrerin beauftragt werden. Begriffliche Differenzierungen sind nur als Strategien zu verstehen, Abstände zu markieren, Unterschiede zu machen.
Für die Reformatoren war es wichtig festzuhalten, dass die Ehe nicht als ein Sakrament verstanden werden sollte, d.h. nicht als ein Heilsmittel (wie Taufe und Abendmahl). Die Ehe ist – so Luther – „ein weltlich Ding“12, d.h. eine von Menschen eingesetzte gesellschaftliche Institution. Segen und Fürbitte sind daher wesentlich als symbolisch-ritueller Beitrag zur Stärkung der Lebensgemeinschaften zu verstehen. Diese werden von den Ehepaaren angesichts ihrer neuen Lebensform und den Kontingenzen, die das gemeinsame Leben mit sich bringen kann, erbeten. Segen und Fürbitte der christlichen Gemeinde für das gemeinsame Leben – das ist der Sinn einer kirchlichen Trauung.
So hält die Formulierung aus Luthers Traubüchlein von 1529 fest:
„[D]enn wer von dem Pfarrer oder Bischof Gebet und Segen begehrt, der zeiget damit wohl an (ob er‘s gleich mit dem Munde nicht redet), in was für Gefahr und Not er sich begibt, und wie hoch er des göttlichen Segens und allgemeinen Gebets bedarf zu dem Stande, den er anfängt; wie sich‘s denn auch wohl täglich befindet, was für Unglück der Teufel anrichtet in dem Ehestand mit Ehebruch, Untreue, Unreinigkeit und allerlei Jammer. So wollen wir nun auf diese Weise an dem Bräutigam und der Braut (wo sie es begehren und fordern) handeln.“13
Luther konnte zugleich auch vom „göttlichen Stand“ der Ehe reden, weil er weltliche Ordnungen gegenüber klerikalen Ordnungen und insbesondere die Ehe gegenüber dem Zölibat aufgewertet wissen wollte. So finden sich bei ihm auch Aussagen über den Beruf als göttlichen Stand. Seine Aussagen zielen somit gegen ein Verständnis der Ehe als Sakrament und gegen die religiöse Überhöhung der Ehelosigkeit des Klerus bzw. im Mönchtum.
Wohlgemerkt es geht bei diesen Aussagen stets um die Ehe als solche, als bürgerliche Lebensform. Ganz selbstverständlich war sowohl im 16. Jahrhundert als auch im Jahr 1957, in dem die derzeit geltende Trauordnung für die Evangelische Landeskirche in Württemberg beschlossen wurde, gesamtgesellschaftlich nur die heterosexuelle Ehe im Blick. Das sind die kulturellen Rahmenbedingungen, wenn von der Ehe in diesen Texten die Rede ist. Man wird aber gewiss nicht sagen können, dass in den Schriften Luthers die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau in normativer, abgrenzender Weise gegenüber gleichgeschlechtlichen Ehepaaren zur Sprache kommt. Es ist anachronistisch, heutige Verhältnisse in das 16. Jahrhundert eintragen zu wollen und zu behaupten, dass die Ehe als Ehe zwischen Mann und Frau Gegenstand des Bekenntnisses sei. In der zentralen Bekenntnisschrift der Reformation, der Confessio Augustana, ist von der Ehe überhaupt keine Rede14. Überhaupt findet sich den Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirchen, die ja auch die altkirchlichen Bekenntnisse einschließen, nichts dazu. Der Hinweis auf „das Bekenntnis“ läuft völlig ins Leere.
Wie aber steht es mit der Heiligen Schrift? In der Präambel zum Gesetzesentwurf sind zwei alttestamentliche und eine neutestamentliche Bibelstellen als Referenzen genannt: Lev 18,22; Lev 20,13 (also das 3. Buch Mose) und Röm 1,24–27. Schon das hermeneutische Verfahren, einzelne Bibelstellen aus ihrem Zusammenhang zu reißen und ohne jede Exegese als Beweise anzuführen, ist theologisch zu kritisieren. Diese Methode, einzelne Beweisstellen anzuführen, berücksichtigt nicht, dass Verstehen immer nur geschichtlich orientiertes Verstehen sein kann.
Die Bibel ist eine in sich vielstimmige Bibliothek, an der viele Autoren mitgewirkt haben. Ihr Entstehungszeitraum umgreift viele Jahrhunderte. Sie ist eine antike Textsammlung, die historisch-hermeneutisch ausgelegt werden muss, das heißt kontextuell vor dem Hintergrund der Verstehenshorizonte ihrer Zeit, und sie umfasst sehr heterogene Texte, die zu Recht in der
christlichen Auslegungstradition unterschiedlich gewichtet wurden und werden.
Nur so, wenn man die unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexte berücksichtigt und theologisch nachvollziehbar interpretiert, können biblische Texte einen Beitrag zur Lebensorientierung in der Gegenwart leisten.
Die drei genannten Bibelstellen als Zeugnis der Heiligen Schrift auszugeben, ist völlig unhaltbar. Der Erlanger Ethiker Peter Dabrock macht zu Recht geltend, dass Standards einer Bibelhermeneutik unterschritten werden, die nicht nur für die akademische Theologie an den Universitäten, sondern selbstverständlich auch für Kirchenleitungen bindend sind. Bibeltreu ist es gerade nicht, „mehr oder minder willkürlich einzelne Zitate aus der Bibliothek der Bibel herauszupicken und emblematisch vor sich herzutragen, sondern sich beim legitimen Rückgriff auf die Bibel der von jedem ‚a priori’ benutzten, mehr oder minder explizierten Vorzugsregeln bewusst zu werden, sie für sich und andere zu begründen und so transparent und damit auch für andere kritisierbar zu machen.“15 Ansonsten wird die Bibel zum Objekt eigener naiver Projektionen und diese unter Zuhilfenahme der Autorität der Heiligen Schrift der Kritisierbarkeit entzogen.
Bibeltreue ist für dieses Verfahren daher gerade nicht in Anspruch zu nehmen. Im Gegenteil kann man zeigen, dass sehr beliebig Bibelstellen ausgewählt, ja, herausgepickt werden. Andere Bibelverse werden selbstverständlich ignoriert:
Leviticus setzt ganz selbstverständlich die Vielehe voraus, einfach weil sie damals in Israel verbreitet war. Mit gleichem Recht könnte man diesen kulturellen Umstand wiederum normativ wenden und behaupten, diese sei uns biblisch „überliefert“ worden.
Beim Apostelkonzil (Apg 15,20) einigen sich die Säulen der urchristlichen Gemeinde Paulus, Petrus und Jakobus darauf, den Blutgenuss zu verbieten. Ein schwäbischer Wurstsalat, in den ja bekanntlich Schwarzwurst gehört, müsste damit auch als Sünde problematisiert werden.
Nach 1 Kor 11,6 ist es eine Schande, wenn sich Frauen die Haare schneiden lassen. Frauen sollten im übrigen in der Gemeinde schweigen (1 Kor 14,35). Dass die Vorsitzende der Landessynode eine Frau ist und keine langen Haare hat, ist bisher noch nicht mit dem Hinweis auf Bibeltreue skandalisiert worden.
Selbstverständlich wird auch für kirchliche Stiftungen, die im Oberkirchenrat in Stuttgart verwaltet werden, das Zinsverbot ignoriert, das sich mehrfach im Alten Testament findet, u.a. im Umfeld der zitierten Verse, in Lev. 25,36f.
Man könnte die Reihe noch weiter fortsetzen, aber ich denke, es wird deutlich, dass das Verfahren, auf diese Weise mit Bibeltexten umzugehen, kein theologisch angemessenes Verfahren ist. Es gilt offen zu legen, dass das Verständnis von Homosexualität und Geschlechterbeziehungen in der Antike, das auch bei Paulus selbstverständlich zugrunde liegt und sich auf zeitgenössische kulturelle Praktiken bezieht, nicht vereinbar ist mit den Einsichten der modernen Humanwissenschaften, die auch den Entkriminalisierungs- und Liberalisierungsprozess unserer Gesetzgebung in den letzten 30 Jahren initiiert und flankiert haben.
Die von Paulus für die Beziehung zwischen Mann und Frau in 1 Kor 7 formulierten Kriterien, etwa die Berufung zum Schalom (V.15), sind vielmehr auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften geltend zu machen.
Ich zitiere den Heidelberger Neutestamentler Peter Lampe: „Diesen paulinischen Überlegungen entsprechend wäre der Auftrag der Kirche, solche Paare, wenn sie dies möchten, in ihrer Zweisamkeit zu stabilisieren, statt sich der Pflege solcher Verbindungen zu entziehen oder sie gar unter Feuer zu nehmen. Ihre Aufgabe wäre, zu stabilisieren durch [...] rituellen Segen. Und dieser darf der Segen der Trauung sein, weil mit denselben Argumenten, mit denen Paulus die heterosexuelle Ehe begründet, auch die Ehe gleichgeschlechtlicher Kinder Gottes zu begründen ist. [...] Wer sich solchem Begründen nicht öffnen möchte, muss in antiker Rüstung gegen heutige humanwissenschaftliche Erkenntnisse ankämpfen. Die Frage, ob wir auf dem anthropologischen Wissensstand der Antike verharren müssen, stellt den eigentlichen Kern des innerchristlichen Streits über gleichgeschlechtliche Sexualität dar – nicht die Frage, ob wir der Bibel untreu werden müssen, wenn wir schwule und lesbische Paare trauen.“16
Warum nun überhaupt eine kirchliche Trauung anlässlich von Eheschließungen? Die 2013 vorgelegte Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“17 ist der gelungene Versuch, die bestehende Vielfalt familialer Lebensgemeinschaften in unserer Gesellschaft nicht nur zu beschreiben, sondern sie auch theologisch zu deuten. Der Familienbegriff wird hier nicht nur für Haushalte in Anspruch genommen, in denen ein verheirateter Mann und seine Frau mit ihren aus dieser Beziehung hervorgegangenen leiblichen Kindern zusammenleben, sondern der Familienbegriff wird für vielfältige Lebensgemeinschaften verwendet. Nicht nur an gleichgeschlechtliche Partnerschaften ist gedacht, sondern auch an Alleinerziehende mit ihren Kindern, an Patchwork-Familien, unverheiratete Paare, die auf Dauer zusammenleben, Alleinlebende, die Verantwortung in der Pflege für ihre Eltern übernehmen u.a.m. Dieser Familienbegriff ist offen für die faktische Vielfalt des Lebens und er ist auch insofern ein erweiterter Familienbegriff, weil er besagt, dass Familie nicht nur da ist, wo Kinder sind.
„Familie (wird) durch die verlässliche, generationsübergreifende Wahrnehmung von Fürsorgebeziehungen konstituiert“.18
Dieser Familienbegriff ist somit keineswegs beliebig, sondern er bietet Kriterien. Er hat normative Implikationen. Er beschreibt, so kann man zusammenfassend sagen, „das Leitbild der an Gerechtigkeit orientierten Familie, die in verlässlicher und verbindlicher Partnerschaft verantwortlich gelebt wird.“19 Die Begriffe Gerechtigkeit und Partnerschaft signalisieren eine klare Ablehnung traditioneller Geschlechterrollen zugunsten der Gleichberechtigung derer, die sich für das Zusammenleben entschieden haben. Verantwortung, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit – diese Begriffe rücken sowohl die Bedeutung von Treue und Beständigkeit in den Blick, als auch die Bereitschaft die Lebensgemeinschaft auf Dauer zu gestalten sowie sich der Aufgabe „der Bewahrung und Weitergabe des Lebens in den vielfältigen Formen der Sorge für andere über die Generationen hinweg“20 zu stellen. Liebe und Fürsorge kennzeichnen die Familie, die Bereitschaft, Verantwortung füreinander und für andere zu übernehmen, um eine wie der Untertitel zusammenfasst, „verlässliche Gemeinschaft“21 zu bilden.
Neben diesem Familienbegriff, der nicht nur die faktische Realität gelebten Lebens beschreibt, sondern zugleich Kriterien für eine gelingende Lebensgestaltung formuliert, benennt die Orientierungshilfe auch die Notwendigkeit, gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Zusammenleben in diesem Sinne fördern und nicht erschweren. Politische Weichenstellungen zugunsten der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit, dem besseren Zusammenwirken von Bildungseinrichtungen und Familien, Unterstützungsmöglichkeiten bei der Pflege u.a.m. werden hier genannt, aber auch die kirchliche Begleitung von Familien durch Kasualien leistet einen Beitrag, dass Familie als verlässliche Gemeinschaft gelebt werden kann.
„Christliche Gemeinden können Familien dabei unterstützen, sensibel und kreativ mit Passagen im Lebenslauf umzugehen.“22 Dieser wichtige Hinweis bezieht sich nicht nur auf die Trauung, aber die Trauung kann tatsächlich einen symbolisch-rituellen Beitrag zur Stärkung von Lebensgemeinschaften leisten, die zuvor in einem zivilrechtlichen Akt, der Eheschließung, geschlossen sind. Die symbolisch-rituelle Leistung der kirchlichen Trauung liegt darin, den sozialen Zusammenhang von Partnerschaft zu betonen und zwar in einer doppelten Blickrichtung. Dem Paar, das sich in Freiheit und Autonomie in einer Liebesbeziehung zusammengefunden hat, ist zu signalisieren, dass es in soziale Lebensbezüge hineingestellt ist, die es als Gemeinschaft flankieren und stärken können.
So heißt es im entfalteten Trausegen aus einer Trauagende23: „Gott schenke euch allezeit gute Freunde. Gott helfe euch, im Gespräch zu bleiben: miteinander und mit anderen Menschen.“ Zugleich aber – und das wäre die andere Blickrichtung – ist auch das Verantwortungsgefühl zu entfalten, was es heißt, für andere da zu sein. „Gott gebe euch ein offenes Herz für Menschen, die eure Hilfe brauchen.“
Die Trauung als anlassbezogener Passageritus verfehlt ihren Sinn, wenn der Anlass, die Eheschließung, im Fall gleichgeschlechtlicher Paare wiederum problematisiert würde. Paare, die sich für ein gemeinsames Leben entschieden haben, die ein Recht darauf haben, dass sie gemeinsam mit ihren Freunden und Familien als getaufte Christenmenschen den Segen für den gemeinsamen Lebensweg empfangen, wiederum zu besondern, zu distanzieren, sie als das Andere, das Jenseits der Norm zu behandeln und die Menschen, im übrigen alle, auch die heterosexuellen Paare, wiederum nur auf ihre sexuelle Orientierung zu reduzieren, schreibt die Diskriminierungsgeschichte fort. Passageriten leben, wie Astrid Edel in ihrer Wissenschaftlichen Hausarbeit gezeigt hat, von der Selbstverständlichkeit, mit der der Anlass von einer Gemeinschaft geteilt und daher ebenso selbstverständlich die rituelle Gestaltung in Anspruch genommen werden kann.


3. Wie kann es weitergehen? Konsequenzen für die Glaubwürdigkeit von Kirche

Es ist nicht mit dem Verständnis einer Kirche im 21. Jahrhundert, die sich auf das Evangelium beruft, zu vereinbaren, gleichgeschlechtliche Ehepaare, die sich lieben, die bereit sind Verantwortung füreinander und für andere zu übernehmen und dies zivilrechtlich bekunden, in dieser Weise zu behandeln, über sie zu reden, sie gegenüber anderen Ehepaaren herabzusetzen, ja, sie schlicht zu diskriminieren. Wenn es um Diskriminierung geht, kann es keinen Kompromiss geben, keine Erleichterung über das vermeintlich Erreichte. Eine Kirche, die an dieser Stelle nicht weiterkommt, macht sich in allen ihren Grundvollzügen der martyria (dem Zeugnis), diakonia (der Seelsorge) und koinonia (der Gemeinschaft) unglaubwürdig. Ihre Aufgabe ist es, Menschen, die als verlässliche Gemeinschaft leben wollen, zu unterstützen, den göttlichen Segen in einem kirchlichen Ritual ausdrücklich zu machen und als Gemeinde durch Fürbitte Anteil zu nehmen.
Die Aussage des Grundgesetzes Art. 6 Absatz 1 („Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“) wird von Juristen in einem erweiterten Sinne interpretiert.
Das heißt, man bezieht heute diesen Satz, selbstverständlich auch auf gleichgeschlechtliche Ehen. In einem solchen erweiterten Sinne könnte man auch die kirchliche Trauung verstehen. Angesichts der langen Diskriminierungsgeschichte gleichgeschlechtlich Liebender ist eine Entschuldigung längst an der Zeit.
In der Oldenburgischen Kirche wurde in der Synode am 22. November 2018 die Trauung für alle Ehepaare beschlossen, wie dies in vielen anderen Landeskirchen auch bereits möglich ist. Der Oldenburgische Bischof Thomas Adomeit kommentierte den Beschluss nicht nur („großartig“), sondern er bat auch homosexuelle Paare um Entschuldigung für Verletzungen, die sie in der Vergangenheit erlitten hätten, weil sie nicht getraut werden konnten. „Das dadurch entstandene Leid, die durchlebte Enttäuschung und die erlittene Diskriminierung begleiten manche Beziehung bis heute“, sagte er.24
Der Gesetzentwurf in Württemberg ist aus meiner Sicht ein Schritt in die falsche Richtung, weil er ganz grundsätzlich die Diskriminierung fortschreibt und dies darüber hinaus in der Präambel mit Hinweis auf Überlieferungen tut. Die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau wird hier mit dem falschen, theologisch unhaltbaren, Hinweis auf Schrift und Bekenntnis als heilige Norm zementiert.
Es trifft nicht zu, dass in diesem Text „unterschiedlichen Glaubensüberzeugungen Raum“25 gegeben würde. Die Überzeugung, dass es keine kategoriale Differenz gibt zwischen gleichgeschlechtlichen Ehepaaren und nicht gleichgeschlechtlichen Ehepaaren, hat keinen Raum in diesem Entwurf.
Die Herstellung von Differenz im Rückgriff auf Sex(ualität), die der Soziologe Stefan Hirschauer als Doing Difference und stabile Humandifferenzierung analysiert hat26, bleibt dem Entwurf eingeschrieben und kehrt mehrfach wieder; nicht zuletzt dadurch, dass die Begründungslast, warum ein öffentlicher Gottesdienst kein Problem ist, den Kirchengemeinden aufgebürdet wird. Von vornherein wird durch die Nomenklatur festgehalten, dass es keine Trauung für alle geben kann.
Dieser Begriff bleibt den gleichgeschlechtlichen Paaren verwehrt. Selbst da, wo es Regenbogengemeinden gelingt, als eine der kontingentierten 325 Gemeinden, in denen, öffentliche Segensgottesdienste stattfinden dürfen, anerkannt zu werden, steht zu befürchten, dass diese Differenz immer wieder neu reproduziert wird, etwa in der liturgischen Gestaltung. Der Entwurf, der seitens des OKR im Oktober 2017 der Synode vorgelegt wurde, sah vor, dass, wie sich der Jurist im OKR Dr. Michael Frisch ausdrückte, „nicht der Ehebund, sondern allein die Ehegatten gesegnet werden“27.
Ulrich Heckel, Theologe im OKR, hielt fest, dass der Segen nicht der Lebensform gelte und daher nicht über den Händen der Eheleuten gesprochen werden dürfe. Vielmehr sollen gleichgeschlechtliche Paare „nach dem Entwurf des Oberkirchenrats den Segen kniend empfangen und bekommen dabei die Hände auf beide Köpfe gelegt, so, wie wir es von der Konfirmation vor Augen haben.“28 Ich erwähne das, weil es tatsächlich auf die liturgische Ordnung im Detail ankommt.
Ich komme zum Schluss: Der Landesbischof definiert seine Rolle offensichtlich in erster Linie als Hüter der Einheit, als jemand, der um Ausgleich und Kompromisse ‚ringt‘. Dabei erkennt er die theologisch völlig unhaltbaren Argumente der Gegner aber ausdrücklich als mögliche theologische Positionen an. Es gebe „verschiedene Argumente für beide Grundhaltungen“ und nun gehe es „um eine gemeinsame Linie, die beiden Haltungen innerhalb der einen Kirche Jesu Christi Rechnung trägt“.29
Hier verwechselt der Landesbischof die Ebenen von empirischer und geglaubter Kirche: in der einen Kirche Jesu Christi kann es gewiss keine Diskriminierung geben, auch wenn es diese in der Evangelische Landeskirche in Württemberg gibt. Die Aufgabe der Theologen in der Kirchenleitung wäre es, sich die Einsichten einer wissenschaftlichen Textauslegung anzueignen, die Komplexität hermeneutischen Verstehens positiv zu vertreten, dafür zu argumentieren und zu streiten und nicht zuletzt für Sensibilität im Umgang mit Diskriminierten zu werben. Nicht weniger als die Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns hängt daran, dass wir wirklich weiterkommen.

1 Bericht aus der Synode. Beraten & beschlossen. Tagung der 15. Evangelischen Landessynode vom 21.–23. März 2019, 1.
2 A.a.O., 2.
3 Vom Samstag, 11. Mai 2019.
4 Noch stärker: die Minderheit einer Minderheit. „Zahlenmäßig geht es um die Minderheit in einer Minderheit. Wir haben es mit wenigen im Verhältnis zu den vielen in unserer Kirche zu tun.“ Der Synodale Ulrich Hirsch, in: Protokoll der 15. Landessynode, 34. Sitzung, vom 28. Oktober 2017, 1559.
5 Vgl. dazu meinen Vortrag in der Reihe Diskriminierung/Antidiskriminierung im Studium Generale: vom 22. Januar des Jahres.
6 Kirchliches Gesetz (Gesetzentwurf), 1.
7 A.a.O., 2.
8 Sabine Foth, in: Protokoll der 15. Evangelische Landessynode 45. Sitzung vom 28. November 2017, 2210.
9 § 2 Gottesdienst, Kirchliches Gesetz (Gesetzentwurf), 2.
10 Vgl. dazu Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit (Die Hauptwerke. Mit einem Nachwort von Axel Honneth und Martin Saar, Frankfurt am Main 2008), 1112.
11 Der Begriff der Veranderung als deutsche Übersetzung von Othering wurde geprägt durch: Julia Reuter, Ordnungen des Anderen. Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden, transcript-Verlag, Bielefeld 2002.
12 Martin Luther, Von Ehesachen (1530), WA 30III, 205–248, hier 205: „ein eusserlich weltlich ding“.
13 Irene Dingel (Hg.): Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche: Vollständige Neuedition. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014.
14 Außer eben in Art. 23 (wo es um das Zölibat der Priester) bzw. Art. 27, wo es um klösterliche Gelübde der Ehelosigkeit geht.
15 A.a.O., 47.
16 Peter Lampe, Der Bibel treu. Mit Paulus für Trauung gleichgeschlechtlicher Paar, in: Zeitzeichen Heft 1 (2017) Jg. 18, 42–44: 44.
17 EKD (Hg.): Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken, Hannover 2013: www.ekd.de/22584.htm.
18 Volker Jung: Zur Diskussion um das Familienpapier der EKD. Vortrag zur Semestereröffnung am 16.10.2014 vor dem Fachbereich Evangelische Theologie in Frankfurt am Main. Unveröffentlichtes Manuskript. Jung ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau.
19 A.a.O. (Anm. 17), 55.
20 Ebd., 54.
21 Ebd. titelgebendes Konzept.
22 A.a.O., 76.
23 Trauagende der VELKD (1988), 37.
24 www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Oldenburgische-Kirche-beschliesst-Trauung-fuer-alle,synode290.html. Aufruf am 19.5.19.
25 Gesetzentwurf S. 2.
26 Stefan Hirschauer (2014). "Un/doing Differences. Die Kontingenz sozialer Zugehörigkeiten." Zeitschrift für Soziologie 43(3): 170–191.
27 OKR Dr. Michael Frisch, Protokoll Synode 28. November 2017, 1531.
28 Protokoll Synode 28. November 2017, 1560.
29 Protokoll Synode, 28. November 2017, 2207.


Thesenpapier BunT fürs Leben

Tübingen, März 2019

Thesenpapierder studentischen Initiative BunT fürs Leben.
Zur Anregung einer fachgerechten Diskussion.

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Präambel

„BunT fürs Leben“ist eine Initiative von (Theologie-) Studierenden der Universität Tübingen, die für alle Menschen offen ist, die sich in dieser Gruppe für die Vielfalt in der Evangelischen Kirche Württemberg engagieren wollen. Die Initiative besteht seit Herbst 2017, als die Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg über die Öffnung der Trauung für gleichgeschlechtliche Paare abstimmte und durch zwei Stimmen an einer notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit scheiterte. Wir wollen ein Zeichen gegen die Diskriminierung in unserer Kirche setzen, die wir nicht mit unserem Gewissen vereinbaren können.
Wir setzen uns weiterhin für eine Öffnung der Trauung für alle Partner*innenschaften unabhängig ihres Geschlechts ein.
Das folgende Thesenpapier stellt eine biblische und theologische Begründung unserer Position dar, die eine fachgerechte Diskussion ermöglichen soll.


Thesen

Nach heutigem wissenschaftlichen Erkenntnisstand ist die sexuelle Orientierung eines Menschen keine frei gewählte Lebensweise (d.h. Entscheidung), sondern ein fester Teil des Menschen (d.h. biologisch bedingt).
Somit sind auch homosexuell L(i)ebende konsequenterweise als ein Teil der wunderbaren Schöpfung Gottes anzuerkennen, die Gott für sehr gut befunden hat (Gen1,31).

Gott schuf die Menschen zu seinem Ebenbild. Er schuf sie als männlich und weiblich (Gen 1,27).
Durch diese korrekte Übersetzung aus dem Hebräischen wird deutlich, dass Gott die Menschen nicht nur als Mann und Frau erschuf. Das Begriffspaar markiert zwei Pole eines Spektrums: Sowie es mehr gibt als Licht und Dunkel (z.B. Dämmerung, Polarlicht, Sonnenfinsternis,...) und als Land und Wasser (z.B. Moore, Wattenmeer,...) gibt es auch mehr als heterosexuelle Männer und heterosexuelle Frauen (z.B. schwule, lesbische, transidente und intersexuelle Menschen, ...), die ebenfalls zu Gottes guter und facettenreicher Schöpfung gehören.

Gott schuf dem ersten Menschen ein Gegenüber (Gen 2,18), denn der Mensch ist von Gott her als Beziehungswesen geschaffen.
Gott schuf mehr als einen Menschen, damit der Mensch nicht allein ist und ein Gegenüber hat, das ihm entspricht.
Die Bibelstelle spricht bei korrekter Übersetzung aus dem Hebräischen nicht von Mann und Frau, die füreinander geschaffen sind, sondern von Menschen, die auf kommunikativen Austausch und zwischenmenschliche Beziehungen angewiesen sind.
Das Geschlecht ist eine wichtige, aber nicht die zentrale Kategorie.

Das biblische Eheverständnis entspricht nicht dem heutigen Eheverständnis.
Bekannte biblische Geschichten handeln von Eheschließung, um den Erhalt der Familie durch Fortpflanzung zu sichern (z.B. Abraham und Hagar (Gen 16)) und von patriarchalen Rollenbildern (z.B. Isaak und Rebekka (Gen 24)). Die Beziehungen von David und Jonathan (1 Sam 18-2Sam 1) oder von Naomi und Ruth (Ruth 1) hingegen stellen Werte wie Liebe, Treue, Verlässlichkeit, Vertrauen und Verantwortung ins Zentrum. Diese Werte können sowohl in Freundschaften als auch Ehen und Partner*innenschaften unabhängig des Geschlechts gelebt werden. Dies entspricht eher dem heutigen Eheverständnis.

Das biblische Verständnis von Homosexualität entspricht nicht dem heutigen Verständnis von Homosexualität. Standards der Bibelhermeneutik dürfen auch im Hinblick auf Stellen, die von Homosexualität handeln, nicht unterschritten werden.
Biblische Texte müssen in ihrem Kontext und korrekten Wortlaut (Urtext) betrachtet werden. Zum antiken Weltbild, das den biblischen Schriften zugrunde liegt, gehört ein anderes Verständnis von homosexueller Praxis. Es geht um Handlungen, bei denen Machtunterschiede missbraucht werden. Die Bibelstellen wenden sich nicht gegen verantwortlich gelebte Partner*innenschaften.

Die Bibel ist kein Kanon des göttlichen Rechts, sondern das lebendig machende Evangelium.
Durch Jesu Interpretation der Bergpredigt und seine Auseinandersetzung mit der Anwendung von Geboten auf den Alltag wird deutlich, dass das Halten von Geboten nicht garantiert, dass die Gottesbeziehung intakt ist. Zentrale Leitlinie für eine christliche Ethik isteine gute Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zu Gott. Aus diesem Grund können Bibelverse nicht einfach ohne weiteres Nachdenken ethische Entscheidungen begründen, denn sonst würden sie zum Kanon göttlichen Rechts. Vielmehr sehen wir die Schrift als das lebendig machende Evangelium, das befreit.

Die Frage nach der sexuellen Orientierungist keine Bekenntnisfrage.
Die kirchliche Einheit bestimmt sich nicht durch ethische Normen, sondern durch das Bekenntnis, das in äußerer Klarheit (d.h. in der Schrift einhellig bezeugt) und im Ergreifen innerer Klarheit (d. h. im Glauben) gilt: Gott ist dreieinig, der Gottessohn ist Mensch geworden, er hat für uns gelitten, ist für uns gestorben und auferstanden und er wird in Herrlichkeit wiederkommen.

Die Frage nach der sexuellen Orientierungist nicht heilsgebunden.
Es gibt zweifelsohne Maßstäbe in der Bibel, die aufzeigen, wie gutes Handeln im Alltag aussieht. Zentral ist allerdings die Erkenntnis, dass der Menschauf die Gnade Gottes angewiesen ist und umsonst befreit wird von der Sünde. Gott macht den Menschen beziehungsfähig. Sexualität ist an sich allerdings weder gut noch schlecht. Hier liegt lediglich einBeispiel vor, bei dem sich zeigt, ob zwischenmenschliche Beziehungen gut geführt werden. D .h. zwei Menschen sind gleichwertig aufeinander bezogen –ohne Machtgefälle. Es geht also nicht um Sexualität an sich, sondern um die zwischenmenschlichen Beziehungsgefüge, die entweder dem Evangelium gemäß oder sündig sind.

Der Segen Gottes gilt allen Menschen.
Jeder Mensch ist (unabhängig von seinem Erscheinungsbild, seiner Ethnie, seinem Geschlecht, seiner sexuellen Orientierung, seiner körperlichen Verfassung, ...) ein Ebenbild und Kind Gottes. Jedem Menschen gilt Gottes Liebe und Annahme, Zuspruch und Segen, unabhängig von menschlichen Kategorien.

Der Segen Gottes gilt einvernehmlichen, verantwortlichen, in Liebe geführten zwischenmenschlichen Beziehungen.
Die Liebe zwischen zwei Menschen wird bei der Trauung ausdrücklich auf die Liebe Gottes und auf dengrundsätzlichenGeschenkcharakterder Liebe bezogen. Die Liebe ist wie der Segen an sich unverfügbar. Gottes Liebe, Gottes Segen und Gottes Geist stehen bedingungslos über den Menschen und deren Beziehungen. Auch homosexuelle Beziehungen sind von Gott gesegnet. Die Wirksamkeit des Segens und das Werten obliegt nicht den Menschen, sondern liegt allein bei Gott in seiner bedingungslosen Liebe. Menschen können den Segen nur erbitten. Deshalb kann niemandem der Segen Gottes für sich und seine Beziehung verweigert werden.

Alle Christ*innen sind unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung vollwertige Gemeindeglieder.
Die Kirche wird als Leib Christi verstanden. Alle Christ*innen sind Glieder des einen Körpers Jesu Christi. Sie sind durch ihre Taufe derKirche zugehörig und von Gott bedingungslos geliebt und angenommen. Deshalb sollten alle einen gleichwertigen Zugang zu Kasualien haben.

Kasualien verorten Christ*innen in ihrer neuen lebensgeschichtlichen Situation. Die Kasualien sind öffentlich zu gestalten.

In der jeweiligen Ortsgemeinde sind Christ*innen miteinander in Glauben, Freude und Leid verbunden. Dies spiegelt sich auch in öffentlichen Kasualien an biographischen Übergängen wider. Durch Öffentlichkeit der Kasualie wird deutlich, dass die Kasualbegehrenden Teil ihres sozialen Umfelds und ihrer Gemeinde sind, mit welchen sie gemeinsam um den Segen Gottes für ihre Beziehung bitten. In einem öffentlichen Gottesdienst der Trauung werden die Partner*innen in ihren sozialen Beziehungen ernst genommen, gesegnet und ihre Partner*innenschaft sowohl von den Angehörigen als auch von der Gemeinde anerkannt.

Alle Christ*innen sind als lebendige Glieder des LeibesChristi in Gemeinden verwurzelt.

Da alle Christ*innen vollwertige Gemeindeglieder sind, solltenauch allen Gemeindegliedern unabhängig von deren sexueller Orientierung Trauungen in den jeweiligen Heimatgemeinden ermöglicht werden.

Jesu irdisches Wirken durch die Zuwendung zu Randgruppen und das Entstehen von Gemeinschaft überwand gesellschaftliche und soziale Grenzen.

Christ*innen in der Nachfolge Jesu sollten sich ein Beispiel daran nehmen und Diskriminierung in ihrer Kirche durch ungerechte Strukturen weder fördern noch dulden.

Kirchenleitungen sind Vorbilder und stehen in der Öffentlichkeit.
Sie dürfen nicht hinter Standards der Bibelhermeneutik zurücktreten, um ihre Positionen zu begründen und sollten einem wissenschaftlichen Diskurs eines Themas nicht verschlossen sein. Sie sollten klare Zeichen gegen Diskriminierung und für Vielfalt und Individualität in der Kirche setzen und sich ihrer Verantwortung, nicht nur des eigenen Gewissens, sondern auch denGemeindegliederngegenüber bewusst sein.

In diesem Sinne: Soli Deo Gloria.

Kontaktwww.initiativebuntfuersleben.wordpress.com

 

 

 

Vortrag Prof. Isolde Karle: Segnung gleichgeschlechtlicher Paare

Impulsvortrag am 19. März 2019 im Gemeindehaus Stuttgart/Christuskirchengemeinde

 

Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare

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1. Warum überhaupt Ehe?

Seit 2017 ist es für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland möglich, eine Ehe zu schließen. Die homosexuelle community hat lange dafür gekämpft und mit großem Stolz reagiert, als das Parlament im Sommer 2017 diese Entscheidung fällte. Deutschland hat damit relativ spät die Institution Ehe für homosexuelle Paare geöffnet. Die Niederlande reformierte bereits 2001 die Ehegesetzgebung in diesem Sinn. Mit der Öffnung der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare ist die Verschiedengeschlechtlichkeit kein grundlegendes Strukturmerkmal der Ehe mehr. Der Sinn der Ehe hat sich inhaltlich zugleich kaum verändert. Es geht nach wie vor darum, dass zwei Menschen, die eine Ehe eingehen, in besonderer Weise füreinander Verantwortung übernehmen und verlässlich, treu und respektvoll das Leben miteinander teilen wollen.

Manche wundern sich, warum die Ehe noch solch eine Attraktivität ausübt und offenbar auch für gleichgeschlechtliche Paare begehrenswert erscheint. Längst kann man in der Gegenwart in einer nicht-ehelichen Lebensgemeinschaft zusammenleben, ohne dafür stigmatisiert zu werden. Doch zeigt sich aus soziologischer Sicht, dass der Übergang von einer informellen zu einer formellen Partnerschaft nach wie vor ein entscheidender Passageritus darstellt. So sagt das Eheschließungsritual nicht nur etwas über die gegenwärtige Liebe aus – wie die Liebeserklärung in einer informellen Beziehung –, sondern begreift die Paarbeziehung als unabschließbar: Die eheliche Beziehung wird auf Zukunft hin geschlossen. Da die Zukunft unbekannt ist, ist das Ritual der Trauung gewissermaßen eine „Beschwörung der Kontinuitätssicherheit einer Paarbeziehung“ (Nave-Herz, Warum noch Heirat?, 17) wie die Soziologin Rosemarie Nave-Herz formuliert. Riten verringern Unsicherheit und bearbeiten Gefühle der Angst und des Zweifels. Das Trauritual ist deshalb ein rite de confirmation (Nave-Herz, Ehe- und Familiensoziologie, 110): Es stabilisiert die eingegangene Bindung und bekräftigt zugleich das riskante Versprechen, das sich hier zwei Menschen geben.

Das Brautpaar verpflichtet sich mit dem Versprechen beieinander zu bleiben „bis dass der Tod uns scheidet“ in einer kirchlichen Trauung nicht nur vor Gott, sondern zugleich vor allen anderen. Das Paar weiß, dass auch diese anderen – ihre Familien und der Freundeskreis – sie nun als einander verpflichtet wahrnehmen. Die öffentliche Trauung signalisiert damit, dass die Partnersuche beendet ist, sie markiert deutliche Grenzen nach außen und kommuniziert Erwartungssicherheit nach innen. Zugleich gilt die erste Loyalität nun für alle sichtbar dem Ehepartner/der Ehepartnerin, nicht mehr den Herkunftsfamilien. Das fördert die Tragfähigkeit einer Beziehung und stabilisiert und entlastet sie. Rosemarie Nave-Herz formuliert: „Rituale dürfen für die Verfestigung von Beziehungen ... nicht unterschätzt werden, da ihr Sinn gerade auch darin liegt, dem neuen System innerhalb des gesamten Sozialsystems seine Position zuzuweisen und damit Grenzen symbolisch neu gezogen werden.“ (Dies., Ehe- und Familiensoziologie, 109)

Die Unverfügbarkeit und Verletzlichkeit dauerhafter Liebe kommt nicht zuletzt im Trausegen zum Ausdruck. Die Ehe wird durch den Segen unter die Verheißung Gottes gestellt. Der Segen symbolisiert in der Handauflegung körperlich wahrnehmbar die Zuwendung und Fürsorge Gottes. Der Segen hebt die Zweideutigkeiten des Lebens nicht auf, aber er ist als eine Kraft wirksam, die über das momentane Gefühl hinausgeht. Mit dem Segen ist verbunden, dass die Gesegneten selbst zu einem Segen für andere werden. Der Trausegen ist insofern kein privater Segen, sondern ein gemeinschaftlicher Akt, der über die unmittelbar Betroffenen hinausreicht und die Ehe herausfordert, auch für andere da zu sein.

Es ist nun vielleicht etwas klarer geworden, warum die Institution Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare eine hohe Anziehungskraft hat. Auch sie bedürfen der Vergewisserung, der Konfirmierung und bitten als Christen um den Segen Gottes für ihre Partnerbeziehung. Für gleichgeschlechtliche Paare hat der Segen dabei nochmals eine ganz besondere Bedeutung. Kerstin Söderblom formuliert: „Gerade aufgrund der Erfahrungen von Nichtakzeptanz, Ablehnung und Ausgrenzung wünschen sich viele lesbische und schwule Paare Gottes Zuspruch und Schutz auf dem gemeinsamen Weg. Aber auch Freude und Dankbarkeit für Liebe und Partnerschaft wollen sie öffentlich zeigen und im Segensgottesdienst vor Gott mit Familie und FreundInnen feiern. Es geht um die Stärkung einer Lebenssituation, die von vielen als Krise erlebt wird.“

 

2. Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in praktisch-theologischer Perspektive

Damit kommen wir zu der Frage, warum sich die Kirche eigentlich mit einer Anerkennung von Homosexualität und der Segnung oder Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren nach wie vor so schwer tut.

Zwei Gründe werden im Hinblick auf eine Ablehnung oder Abwertung von Homosexualität bis in die Gegenwart hinein immer wieder genannt: (1) Die wenigen biblischen Texte, die sich auf homosexuelle Praktiken beziehen, tun dies ausschließlich negativ und verurteilen Homosexualität als Sünde (2) Die Vorrangstellung der heterosexuellen Ehe wird mit der biologischen Fortpflanzungsfähigkeit des heterosexuellen Paares begründet, die bei einem homosexuellen Paar ausgeschlossen ist. Auf beide Punkte möchte ich im Folgenden eingehen:

 

a) Biblische Perspektiven

Es sind nur sehr wenig Bibelstellen, die sich auf homosexuelle Praktiken beziehen – und sie beziehen sich, wie eben schon gesagt, auf homosexuelle Praktiken, niemals auf eine partnerschaftliche homosexuelle Beziehung. Das, was wir heute Homosexualität nennen (ein Begriff, den es erst seit dem 19. Jh. gibt), ist überhaupt nicht im Horizont der biblischen Autoren. Bei den genannten Bibelstellen geht es durchweg um eine Abgrenzung von heidnischen Religionen und Gewohnheiten. So geht es bei der biblischen Verurteilung gleichgeschlechtlicher Praktiken immer um den Gesichtspunkt der Promiskuität als Folge der Abkehr von Gott. Dazu muss man wissen, dass Homosexualität in der Antike nicht einer bestimmten Kategorie von Personen zugeordnet wurde, sondern als Laster betrachtet wurde, dem meist heterosexuelle Männer nachgingen. Dabei spielte die Päderastie eine große Rolle. So war es freien römischen (auch verheirateten) Bürgern erlaubt, junge Knaben, in der Regel Sklaven, sexuell auszubeuten. Das prangert Paulus in 1 Kor 6,9 an. Von dieser Praxis sollten sich die Christen distanzieren. Insgesamt ist die Sexualität biblisch ein Bereich, der besonderer Verantwortlichkeit unterworfen ist (siehe 1 Kor 7).

Hermeneutisch ist überdies geltend zu machen, dass der Geist des Neuen Testaments ein Geist der Freiheit und der Liebe ist, der von repressiven Konventionen und Dynamiken befreit. Besonders anschaulich kommt das in Gal 3,28 zum Ausdruck, eine Formel, die im Kontext der urchristlichen Taufe stand. In Christus können die gängigen kulturellen Hierarchien keine Geltung mehr beanspruchen: In Christus macht weder die ethnische Herkunft (Jude/Grieche), noch der soziale Status (Sklave/Freier), noch die Unterscheidung männlich/weiblich einen Unterschied. Und man könnte ergänzen: auch nicht die Unterscheidung hetero-/homosexuell. Widersprechen einzelne zeitgebundene Aussagen der christlichen Freiheit, sind sie als nicht evangeliumsgemäß zu kritisieren. Wir haben diesen Argumentationsgang im Hinblick auf die Frauenordination längst hinter uns. Heute wollen nicht einmal mehr evangelikal-konservative Christen, dass das biblische Wort, dass die Frau in der Gemeinde schweigen solle, noch Geltung beansprucht (1 Kor 14). Eine Lektüre der Bibel ist immer selektiv und muss deshalb hermeneutisch reflektiert und verantwortet werden. Nur so ist ein homophober Biblizismus zu vermeiden. Ein wörtliches Verstehen biblischer Texte ist dabei weder ratsam noch möglich. So hält sich heute niemand mehr an das in der Bibel häufig genannte Zinsverbot oder an das Verbot Mischgewebe zu tragen.

Die sexuelle Identität ist Teil der Personalität des Menschen und als solche zu würdigen und zu achten. Das Evangelium lehrt uns, dass jeder und jede in seinem bzw. ihrem Personsein und Sosein und damit in der eigenen besonderen Individualität als von Gott bejaht zu verstehen ist und von der christlichen Gemeinschaft auch so angenommen werden sollte. Gesamtbiblisch betrachtet gibt es keinerlei stichhaltigen Gründe, die einer vollständigen Akzeptanz nicht nur von Homosexuellen, sondern auch verbindlich gelebter gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften entgegenstünden. Der Neutestamentler Peter Lampe stellt deshalb fest: „Die Frage, ob wir auf dem anthropologischen Wissensstand der Antike verharren müssen, stellt den eigentlichen Kern des innerchristlichen Streits über gleichgeschlechtliche Sexualität dar nicht die Frage, ob wir der Bibel untreu werden müssen, wenn wir schwule und lesbische Paare trauen.“ (Peter Lampe, Der Bibel treu. Mit Paulus für Trauung gleichgeschlechtlicher Paar, in: Zeitzeichen Heft 1 (2017) Jg. 18, 42–44: 44).

 

b) Ehe und Kinder

Auch die Forderung eines sogenannten Abstandsgebots zwischen heterosexueller und homosexueller Liebe und der behauptete Leitbildcharakter der heterosexuellen Ehe aufgrund der allein ihr zugeschriebenen Generativität erweisen sich als nicht tragfähig. Es gibt inzwischen 25 Prozent (!) heterosexueller Ehepaare, die kinderlos bleiben, eine Minderheit ungewollt, die große Mehrzahl davon gewollt. Dies ist historisch betrachtet „ein neuartiges gesellschaftliches Phänomen“ (Nave-Herz, Ehe und Familiensoziologie, 80). Ehe und Familie sind in der Gegenwart deshalb nicht mehr deckungsgleich. Niemals würden wir einem Paar den kirchlichen Segen verweigern, das keine Kinder mehr bekommen kann oder auch nicht bekommen möchte. Zugleich gibt es nicht wenige gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Ehen, in denen Kinder erzogen werden und aufwachsen. Entscheidend ist dabei das Kindeswohl, das Beachtung finden muss. Im Hinblick darauf zeigen alle bislang durchgeführten Studien, dass Befürchtungen, die kindliche Entwicklung könnte durch homosexuelle Eltern beeinträchtigt werden, sich nicht bestätigen. Entscheidend ist für Kinder, ob ihre Eltern sie lieben, nicht ihre körperliche Ausstattung oder ihre sexuelle Orientierung.

 

3. Praktisch-theologisches Fazit

Die Ehe ist in der evangelischen Kirche kein Sakrament. Für Luther war die Ehe ein weltlich Ding. Ihre Rechtsgestalt kann sich ändern. Die Kirche gibt zur Ehe nur den Segen. „So manches Land, so manche Sitte“ – mit diesen Worten beginnt Luther seine Ausführungen zur Ehe im Traubüchlein. Schon hier wird deutlich, dass die jeweilige rechtliche Form und inhaltliche Ausprägung der Ehe für Luther keinen überzeitlichen Charakter hat. Er fährt fort: „Dennoch weil die Hochzeit und Ehestand ein weltlich Geschäft ist, gebührt uns Geistlichen oder Kirchendienern nichts darin zu ordenen oder regieren, sondern lassen einer jeglichen Stadt und Land hierin ihren Brauch und Gewohnheit, wie sie gehen. Etliche führen die Braut zweimal zur Kirche..., etliche nur einmal; etliche verkündigen und bieten sie auf der Kanzel auf.... Solchs alles und dergleichen la ich Herren und Rath schaffen und machen, wie sie wollen; es geht mich nichts an.“ (Luther, Ein Traubüchlein..., 528) Unmissverständlich macht Luther klar, dass ihn die eheliche Rechtsprechung nichts angeht, dass sie Sache des weltlichen und nicht des geistlichen Regiments ist. Die Ehe kann durch unterschiedliche kulturelle Sitten geprägt sein. Sie ist dem historischen Wandel unterworfen und deshalb nicht Gegenstand der Dogmatik, sondern der Ethik. Von daher wäre es nur konsequent, wenn die Kirche das neue Eherecht akzeptierte und weiterhin Trauungen im Anschluss an eine Eheschließung durchführen würde, egal, ob das Brautpaar nun hetero- oder homosexuell ist. Es bedarf aus meiner Sicht keiner neuen kirchlichen Gesetzgebung und keiner neuen Agende dafür, sondern lediglich wenige redaktionelle Änderungen/Variationen – die württ. Kirche sieht das leider anders.  

Es ist diskriminierend, heute gleichgeschlechtlichen Ehen den Segen zu verweigern. Auch homosexuelle Gläubigen wollen den Segen für ihre treue Liebesbeziehung – wer wollte ihn ihnen mit welcher Autorität verweigern? Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind wie heterosexuelle Beziehungen auf eine förderliche soziale Umgebung angewiesen, um ihre Partnerschaft dauerhaft und verbindlich leben zu können. Es ist von daher sehr zu begrüßen, dass der Staat die Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften geöffnet hat und ihnen dieselben Rechte und Privilegien wie heterosexuellen Ehepaaren zugesteht. Die Kirchen sollten diese vollständige Gleichstellung in ihrer Praxis übernehmen.

Dass auch gleichgeschlechtliche Paare die Ehe für ihr Zusammenleben wünschen und eingehen, stärkt die Institution Ehe und zeigt, wie wichtig vielen Menschen die damit verbundenen Werte von Treue und Verlässlichkeit sind. Die Ehe wird dadurch neu belebt und nicht mehr als überkommene Institution wahrgenommen, sondern in ihrer Schutzfunktion gewürdigt und geschätzt. Dasselbe gilt mutatis mutandis für die kirchliche Trauung. Wenn die kirchliche Trauung nach evangelischer Überzeugung primär darin besteht und ihren Grund hat, dass zwei Menschen ihre Entscheidung zusammenzuleben „bis dass der Tod uns scheidet“ öffentlich vor Gott bekunden und die Trauung Gottes Verheißung für eine solche Verbindung im Segen zuspricht, dann steht außer Frage, dass auch die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare nicht anders verstanden werden kann. Dies schmälert die Bedeutung der herkömmlichen Trauung in keiner Weise. Es tut ihr keinerlei Abbruch, wenn auch andere Beziehungen nach ihrem Vorbild gestaltet werden. Fast alle Landeskirchen in der EKD sehen deshalb mittlerweile Segnungen oder Trauungen für gleichgeschlechtliche Paare vor.

Die Ehe fördert eine verlässliche Beziehung auf Dauer, sie „entlastet von einer zermürbenden Dauerreflexion über den jeweiligen Zustand der Beziehung“ und stärkt über das Ritual der Trauung die Partnerschaft. Es ist nicht einzusehen, warum die Kirche diese Förderung von Verantwortungsübernahme, an der sie sonst nachhaltig interessiert ist, gleichgeschlechtlichen Paaren oder auch anderen Paaren, die nicht in das klassische Muster der heterosexuellen Ehe passen, vorenthalten sollte. Werden alle Paare, die dies wünschen, mit großer Selbstverständlichkeit und Offenheit getraut, wird die kirchliche Trauung und ihr Sinngehalt dadurch gestärkt und das Ethos der Ehe gestützt.

 

 

Theologische Reflektion von OKR Matthias Kreplin, Ev. Landeskirche Baden

Auszug aus: Erläuterungen des Synodenbeschlusses der Ev. Landeskirche Baden von OKR Matthias Kreplin

Aus: Materialien zum Beschluss der Landessynode zur Trauung gleichgeschlechtlicher Paare vom 23.4.2016. Herausgegeben vom Evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe; Postfach 2269, 76010 Karlsruhe durch OKR. Dr. Matthias Kreplin (matthias.kreplindontospamme@gowaway.ekiba.de)

Quelle: https://www.ekiba.de/html/media/dl.html?i=121163

Text als pdf

 

(...) In den Schöpfungserzählungen (Gen 1,27 und Gen 2,18) wird herausgestellt, dass der Mensch in Gottebenbildlichkeit und in seiner Angewiesenheit auf ein Gegenüber geschaffen ist. Dabei ist die Zweigeschlechtlichkeit ein wichtiges, aber nicht exklusives Merkmal. Vielmehr wird die Gleichheit und die Bezogenheit aufeinander und nicht die Differenz betont. Die Bezogenheit aufeinander in Liebe wird im Doppelgebot der Liebe (Matth. 22, 37ff) und in der paulinischen Formulierung „Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes“ (Röm.13,10) dann als die zentrale ethische Norm herausgestellt. Sie ist die eine Grundorientierung, die hier leitend sein kann. Liebe bedeutet, anderen Respekt zu erweisen, ihren Bedürfnissen Raum zu geben, sie zu unterstützen und zu stärken, ihnen beizustehen und sie zu schützen, sich füreinander einzusetzen. Diese Verhaltensweisen und Werte werden auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gelebt. Deshalb ist die Verbindung von gleichgeschlechtlich Liebenden ethisch gleichwertig und darf nicht abgewertet werden. (...) Gleichwohl ist nicht zu leugnen, dass in der Bibel Aussagen zu finden sind, die sich gegen homosexuelle Praktiken richten. Die Menschen in unserer Landeskirche, die eine Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ablehnen, begründen dies mit diesen Aussagen der Heiligen Schrift.

Es gibt insgesamt sieben Bibelstellen, die sich auf homosexuelle Praktiken beziehen. Vier davon beziehen sich allerdings auf Phänomene wie Vergewaltigung und Prostitution. Dass dies ethisch zu verurteilen ist – und zwar in hetero- wie in homosexuellen Kontexten –, ist unstrittig. Es bleiben die beiden Formulierungen im so genannten Heiligkeitsgesetz im 3. Buch Mose (im 18. und 20. Kapitel) und eine Aussage, die Paulus im Römerbrief im 1. Kapitel trifft. Weder die beiden Stellen im Heiligkeitsgesetz noch die paulinische Argumentation ist mit einem der großen ethischen Grundmotive der Bibel verbunden, wie sie etwa in Begriffen wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Reich Gottes, Leib Christi aufleuchten. Deshalb können diese wenigen Belegstellen eine ethische Verurteilung verantwortlich praktizierter gleichgeschlechtlicher Liebe nicht tragen.

Es gibt in der Bibel nicht nur einzelne negative Voten gegen homosexuelle Praxis, sondern auch zwei sehr starke und sich durch die Bibel durchziehende Impulse für Nächstenliebe und gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Das hermeneutische Grundprinzip, sich an dem zu orientieren, „was Christum treibet“, was also dem Geist Jesu Christi am ehesten entspricht, führt also zu einem theologischen Urteil über verantwortlich gestaltete gleichgeschlechtlich wie verschieden­geschlechtliche Partnerschaften, bei dem nicht drei Bibelstellen ausschlaggebend sind, sondern diese sich durchziehenden Grundimpulse der Bibel. (...)

 

 

 

Trauung Segnung Hochzeitsfeier? Dokumentation aus der ELK Bayern

Dokumentation zum Studientag zur liturgischen Begleitung
von Lebenspartnerschaften in der ELKB

Herazsgeber: Peter Bubmann/ Silvia Jühne/ Anne-Lore Mauer (Hg.):

Im März 2017 wurde die beiliegende Dokumentation eines Studientags in der ELKB veröffentlicht:

Trauung, Segnung, Hochzeitsfeier? - Hier zum Download

 

 

Vortrag von Siegfried Zimmer zum Thema: "Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle"

Ein Vortrag, der zum Nachdenken anregt:

http://worthaus.org/mediathek/die-schwule-frage-die-bibel-die-christen-und-das-homosexuelle-5-1-1/

 

 

 

Vortrag von Professor Ebach zu Homosexualität und Bibel

Der Vortrag als pdf

 

Aus dem Vortrag:
Zu Beginn dieses Jahres wurde durch einen Brief von acht evangelischen Altbischöfen die innerkirchliche Debatte über Homosexualität neu entfacht. Konkret ging es um die Frage, ob das Kirchenrecht die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Pfarrhaus eröffnen dürfe. In diesem Zusammenhang kam es erneut zu grundsätzlichen Debatten um Homosexualität und die Bibel. Ich bin für den heutigen Vortrag nach Leonberg eingeladen worden, um zu diesem Thema Beobachtungen und Überlegungen aus der Sicht eines Bibelwissenschaftlers mit dem Schwerpunkt auf dem Alten Testament und der biblischen Hermeneutik zu referieren und zur Diskussion zu stellen. 

Einsetzen will ich mit einer grundsätzlichen Frage und zwar mit einer Frage, die mich ziemlich ratlos lässt. Was eigentlich ist an diesem Thema so brisant, dass es immer wieder auftaucht und immer wieder und immer neu die Gemüter erhitzt wie kaum ein anderes?

 

 

 

Vortrag von Prof. H. Lichtenberger zu Homosexualität in der Bibel

Der Vortrag als pdf

Vortrag von Prof. Herrmann Lichtenberger beim Studientag "Homosexualität und Kirche"

an der Universität Tübingen November 2010

 


Homosexualität in der Bibel

I. Einleitung

Lassen Sie mich hier von einem persönlichen Lernprozeß berichten. Von 1988-93 lebten wir in Münster, und bei den Landtagswahlen jener Jahre hatte unser jüngerer 16jähriger Sohn am Gartenzaun unseres Hauses Plakate der Grünen aufgestellt, die besagten: „Seid schwul und zeigt’s ihnen!“ Wir wohnten in einer typischen Professorengegend, man kannte sich, wußte, wer wo wohnte. Wir sprachen mit unsern Söhnen. „Es gibt doch auch andere Plakate der Grünen, die ihr an unserm Haus aufstellen könntet,  warum gerade dieses?“ Im Lauf der Gespräche gegen die Plakate wurden unsere Argumente immer hilfloser, und der ältere Bruder brachte es dann auf den Begriff: „Ihr habt doch bloß Angst davor, dass euer Sohn für einen Schwulen gehalten werden könnte oder daß er es tatsächlich ist.“ Genau, da waren wir erwischt, überführt unserer Vorurteile, beschämt in unserem Unverständnis.

Doch zunächst zum Begriff der Homosexualität.

Er wurde 1869 vom deutsch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny geprägt, sein Pendant Heterosexualität erblickte elf Jahre  später das Licht der Welt. Homosexualität ist danach eine Laune der Natur, daß bei der Geburt Mann und Frau bindend mitgegeben ist, einerseits „einen direkten Horror vor dem Gegengeschlechtlichen“ zu empfinden“, andererseits es unmöglich ist, „sich dem Eindrucke zu entziehen, welchen einzelne Individuen des gleichen Geschlechts auf sie ausüben“ (zitiert nach F. X. Eder, Kultur der Begierde, München 2002, 159).

Wir können hier nicht die vielfältige Begriffs- und Definitionsgeschichte weiterverfolgen; so viel sei wenigstens angedeutet: Es ging u.a. um die Frage, ob es sich bei männlichen und weiblichen Homosexuellen um Spielarten der Sexualität handle, oder gewissermaßen um ein „drittes“ bzw. „viertes“ Geschlecht. Vielfältige Fragen verbinden sich für die frühe Sexualforschung damit: Handelt es sich um eine angeborene Entwicklungsstörung, ist Homosexualität natürlich oder pathologisch, ist sie entsprechend unveränderlich oder heilbar? Gibt es äußerlich wahrnehmbare Anzeichen, die von Heterosexuellen unterscheiden, und lassen sich tatsächlich überdurchschnittlich viele Hochbegabte einerseits, viele psychisch Kranke andererseits unter ihnen finden? Setzt Homosexualität den freien Willen außer Kraft, so daß Homosexuelle, anders als Heterosexuelle, die ihre Sexualität angeblich kontrollieren, von ihrer Sexualität besessen sind, von ihr Getriebene sind und sich (allein) darüber definieren?

Sie sehen, das 19. Jahrhundert hat eine Reihe von Fragen und Vorurteilen vorgegeben, die heute noch bestimmend sind. Ein Argument des 19. Jahrhunderts gegen Homosexualität verdient noch der Erwähnung: Das Bild des bürgerlichen Ehemanns und Familienvaters, der dem biblischen Gebot der Fortpflanzung folgt. Dieses Bild spielt zwar in der öffentlichen Argumentation bis heute eine wichtige Rolle, für persönliche Entscheidungen hat es aber kaum noch Vorbildfunktion, haben sich doch mittlerweile weit mehr Heterosexuelle und heterosexuelle Paare, als es Homosexuelle gibt, für Kinderlosigkeit entschieden. Wie wir jedoch sehen werden, läßt sich auch vom Neuen Testament her eine Verurteilung der Homosexualität  als Nachkommensverweigerung nicht halten.


II. Homosexualität in der Bibel und der kirchlichen Diskussion

Zunächst eine Vorbemerkung: Ich werde versuchen, die Begriffe Schwule und Lesben zu vermeiden, da sie Personen ausschließlich über ihre sexuelle Neigung oder Praxis definieren. Wenn wir im folgenden von Homosexualität sprechen, so sind wir uns des anachronistischen Sprachgebrauchs bewußt. Er dient einzig der Verständigung.

Ich betrachte Homosexualität nicht als eine pathologische oder perverse Form der Sexualität, sondern als eine, sei es genetisch bedingte oder/und lebensgeschichtlich erworbene Form der Sexualität, die wie jede Sexualität sich in Liebe und Verläßlichkeit (Treue) bewähren muß, die Teil unserer Identität und unseres Lebensglücks ist. Wir führen eine Diskussion im kirchlichen Bereich, d.h. wir sprechen im Kontext der christlichen Tradition, die bestimmt ist durch Schrift und Bekenntnis. Wir werden darum zunächst die biblischen Aussagen besprechen und dabei den Blick auf die Umwelt des Neuen Testaments und frühen Christentums werfen, um dann zur gegenwärtigen Diskussion zurückzukehren. Dabei wird die Frage leitend sein, wie denn mit den biblischen Aussagen umgegangen werden kann.
 

1. Altes Testament

Einerseits stehen die Aussagen über Homosexualität in der Bibel nicht im Zentrum der ethischen Unterweisung, andererseits sind sie von einer einmütigen Klarheit in der Beurteilung der Homosexualität.

Lev 18,22 und 20,13 verbieten homosexuelle Handlungen überhaupt: Lev 18,22: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel.“ Lev 20,13 fügt die Strafbestimmung hinzu: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben.“

Wichtig ist: Das gerne zur Begründung des Verbots der Homosexualität herangezogene Vermehrungsgebot („Seid fruchtbar und mehret euch“, Gen 1,28) findet sich an keiner Stelle. Es handelt sich dabei um sekundäre Eintragungen und, wie wir sehen werden, spielt dieser Topos auch im NT keine Rolle.

Beide Textstellen stehen im sog. Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26) mit der Grundforderung: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.“ Homosexuelle Handlungen verletzen also die Gottes Heiligkeit entsprechende Heiligkeit und Reinheit des Gottesvolkes, wie es auch die anderen in diesem Kontext genannten verbotenen sexuellen Handlungen tun. Natürlich wird damit Identität bestimmt: In der Nichtpraktizierung solcher sexuellen Handlungen, zu denen auch homosexuelle gehören, unterscheidet sich Israel von den umgebenden Völkern.

Erzählerisch begegnet im AT die Ablehnung der Homosexualität in zwei verwandten Geschichten, die bekannteste ist die von Lot und der Bedrohung seiner Gäste („Engel“) durch homosexuelle Gewalttäter aus Sodom (Gen 19); anstelle der Gäste möchte Lot lieber seine beiden Töchter preisgeben. Dieses Ansinnen ist die Sünde der Sodomiter, Sodomie etc. (Einengung auf Verkehr mit Tieren erst im 19. Jh.). Es wird immer wieder versucht, die Erzählung zu entschärfen: Lot hätte sich verdächtig gemacht als er, selbst ein Fremder, Fremde aufgenommen hätte; also ein Verstoß gegen das Gastrecht. Aber das führt nicht weiter, denn das Ansinnen der Leute von Sodom bleibt.

Ähnliches gilt auch für die weniger bekannte Geschichte Richter 19. Ein Reisender übernachtet in Gibea im Haus eines gastfreien Alten. Das Haus wird von den Einwohnern umstellt, die die Herausgabe des Gastes verlangen. Auch hier werden zwei Frauen angeboten (die Tochter des Gastgebers und die Nebenfrau des Gastes). Die Frau des Gastes wird zu Tode vergewaltigt.

Aus dieser Geschichte wird deutlich, daß es in erster Linie um Sexualität geht, hier als sexuelle Gewalt gegen Frauen, nachdem das sexuelle Begehren gegenüber Männern nicht erfüllt wurde. Damit sind die AT-Belege faktisch erschöpft. Zu nennen wäre noch Dtn 23,18f, das Verbot weiblicher und männlicher Tempelprostituierter. Davids Freundschaft mit Jonathan und seine Klage über seinen Tod, 2Sam 1,26: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen als Frauenliebe ist.“ Das muß nicht homoerotisch gedeutet werden.

Die jüdische Tradition hat die Linie der Ablehnung der Homosexualität ausgezogen und durchgehend daran festgehalten. Wegen dieses prinzipiellen Konsenses wird zu erklären sein, warum das Thema in der Verkündigung Jesu überhaupt nicht vorkommt, im NT dagegen nur bei Paulus, bezeichnenderweise in seinen Briefen an die Römer und Korinther und in dem deuteropaulinischen 1Tim-Brief. Abwegig ist es, das Verhältnis Jesu und des Lieblingsjüngers als homoerotisches zu deuten: Da wird Jesus je nach Belieben ein Frauenheld/freund oder Männerfreund.
 

2. Griechisch-römische Welt

Wir werfen zunächst einen Blick auf die dem NT gleichzeitige und ältere Welt. Im Hinblick auf die üblichen Verklärungen Griechenlands und Roms müssen wir die Dinge differenzierter darstellen.

Man darf aus dem bekanntermaßen anerkannten Verhältnis eines Mannes zu einem Knaben nicht Verallgemeinerungen auf das Verhältnis von Männern zu Männern schließen. Es geht auch gar nicht um Homosexualität an sich, sondern wie und mit wem man sexuelle Praxis hat. Und das wird bestimmt im griechisch-römischen Kulturkreis von einer sozialen Weltordnung: Auf der einen Seite steht der freie Mann, auf der anderen Frauen, Kinder, Unfreie, Sklaven und zwar männlich und weiblich. Der Herrschaftsanspruch des freien Mannes schließt die sexuelle Verfügbarkeit der anderen insgesamt ein, die er ausnützen kann – und dies auch tut. Mit seinen Sklaven sexuelle Praxis zu treiben war sozial akzeptiert, daneben hatte man Verkehr mit seiner Ehefrau und/oder Hetären.

Gerade Knaben vor der Geschlechtsreife waren die geeigneten Sexualpartner, hier war das soziale Gefälle Mann-Heranwachsender deutlich. Der erastés (der erwachsene Liebhaber) übernahm den aktiven Teil, der erómenos (der geliebte Jüngling) die passive Rolle. Es entstanden intensive Beziehungen, die geordnet waren: Der Mann umwarb den Knaben, sorgte für sein Weiterkommen; der Knabe durfte gegenüber dem Werben des Mannes nicht zu schnell nachgeben, hatte der Mann sich doch dankbar zu erweisen.

Betrachtet man das Verhältnis Mann-Knabe/Ehemann-Ehefrau nebeneinander sieht man, wie sie sich quasi ergänzen. Die Frau ist auf das Haus, den Innenraum verwiesen, der Mann nach außen, in die Öffentlichkeit. Dort trifft er auch den Knaben, schaut ihm zu, wie er nackt Sport und Wettkämpfe treibt.

Es gab auch in der Antike Protest gegen diese Art der Liebe, aber dieser wollte weniger der Moral dienen noch dem Schutz der Knaben, sondern war prinzipieller Art: Alle Liebesleidenschaft (zu Männern oder Frauen) sollte kontrolliert werden. Aufgerufen war der freie Mann auch zum Sieg über die Lust. Schließlich hat Platon die Päderastie aus einem utopischen Staat verbannt, wieder nicht aus Gründen, die wir moralisch nennen würden, sondern weil er gegen die leidenschaftliche Ausschweifung ist. Er will auch nicht die Leidenschaft zur rechten Natur zurückführen, wenn er nur den Umgang mit Frauen zuläßt, sondern will jede Leidenschaft unterbinden, indem er einzig die Sexualität zum Zwecke der Fortpflanzung erlaubt.

Es gab nun einen Punkt, an dem homophiles Verhalten einmütig kritisiert und gesellschaftlich geächtet wurde: wenn das oben genannte Herrschaftsgefälle verletzt wurde. Dies wurde verletzt, wenn sich ein erwachsener Mann in die Rolle des Knaben (oder einer Frau) begab. Eine unvorstellbare Verachtung traf den männlichen freien Erwachsenen, der passiv homophil war. Verächtlich werden einige Namen genannt: 346 v.Chr. wurde gegen einen athenischen Politiker (Timarchos) deswegen ein Gerichtsverfahren eingeleitet, um ihn aus dem Amt zu jagen. Später wird Nero (zieht sich Frauenkleider an) mit demselben Vorwurf als ein Monstrum abgestempelt werden.

Anders als unsere sind es soziale Wertmaßstäbe: Der (freie) Mann darf nicht die Rolle des Passiven annehmen, das ist „gegen die Natur“. Anerkannt ist die aktive Beziehung eines Mannes/Herrn zu einem jungen Sklaven, der Mann ist dabei verheiratet, hat Sklavinnen, die gegebenenfalls seine Konkubinen sind, hat Kinder mit seiner Ehefrau und mit den Sklavinnen.

Das Bild in der Antike ist also grundsätzlich verschieden von unserer Gesprächs- und Lebenslage. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Homosexualität und Heterosexualität. Geordnete Bisexualität ist anerkannt. Die Bewertung erfolgt nicht nach moralischen Maßstäben, sondern nach sozialen (oben-unten). Die griechisch-römische Praxis kann gegenwärtige Probleme nicht lösen und zwar aus zwei Gründen: 1. Die Knabenliebe fiele als Kindersex unter die Bestimmungen des Strafgesetzbuches, 2. die Antike ächtete in entschiedener Weise Sexualität zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Erwachsenen (auch Frauen mit Frauen), die auf derselben sozialen Stufe standen. Die immer wieder begegnende Verklärung der Antike in der Argumentation beruht schlicht auf Unkenntnis.

Die scheinbar selbstverständliche Präsenz der Päderastie war es, was Juden und dann auch Christen vehement ablehnten, gerade darin den Inbegriff heidnischen Lebens sahen. Ein nur wenige Jahre älterer jüdischer Zeitgenosse des Paulus, Philo, der in der Großstadt Alexandria lebt, schreibt darüber:

„Es hat sich aber in den Städten noch ein anderes, weit ärgeres Übel eingenistet, die Knabenliebe: Während es früher als große Schande galt, auch nur davon zu sprechen, rühmen sich ihrer jetzt nicht nur die, welche sie üben, sondern auch diejenigen, die sich dazu gebrauchen lassen; zu krankhafter Frauenart haben sie sich durch Gewöhnung erzogen, geben Leib und Seele dem Verfall preis und lassen gleichsam keinen Funken ihrer Mannesart mehr fortglimmen (mit auffallend gekämmtem Haupthaar, wohlgeputzt, die Augen mit Bleiweiß, Purpurfarbe und ähnlichen Dingen geschminkt und bemalt, mit duftenden Salben fein gesalbt – denn an allen sorgfältig herausgeputzten Menschen übt von solchen Reizmitteln der schöne Duft am stärksten anlockende Wirkung aus -) schämen sie sich nicht, künstlich durch gewisse Mittel ihre männliche Art in weibliche umzuwandeln. Gegen diese Menschen muß man schonungslos vorgehen nach der Vorschrift des Gesetzes, daß man den Androgynen, der das Gepräge der Natur verfälscht, unbedenklich töten und keinen Tag, ja keine Stunde am Leben lassen soll, da er sich, seinem Hause, seinem Vaterlande und dem ganzen Menschengeschlecht zur Schande gereicht. Und der Päderast soll wissen, daß ihn die gleiche Strafe trifft, weil er widernatürlicher (para physin) Lust nachgeht und an seinem Teile auf die Verödung und Entvölkerung der Städte hinarbeitet, wenn er seinen Samen zu Grunde richtet, weil er sich ferner zum Verkünder und Lehrer schlimmsten Laster macht, der Unmännlichkeit und Weichlichkeit … .“

Bemerkenswert ist Philos Ablehnung der Päderastie, wichtig aber – und darin spricht sich jüdische Sicht aus -, Philo verachtet nicht nur den passiven Sexualpartner, sondern er wirft dem aktiven Asozialität und widernatürliche Lust vor, die zu einer Entvölkerung der Städte führt: Das Gebot Gen 1,28 „fruchtbar und mehren“ wird dabei verletzt („gleiche Strafe“: Lev 20 Todesurteil). Zwei Aspekte: Jetzt taucht Gen 1,28 auf, das den Diskurs bis heute bestimmt; Philo greift auf das alttestamentliche Strafrecht (Todesstrafe) zurück.
 

3. Paulus

In die Reihe der Verurteilung heidnischen Lebens läßt sich die Argumentation des Paulus in 1Kor 6,9f stellen: „Oder wißt ihr nicht, daß Ungerechte Gottes Reich nicht erben werden? Irrt euch nicht: Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Weichlinge (malakoi), noch Päderasten (ajrsenokoi'tai), noch Diebe, noch Habsüchtige, nicht Trunkenbolde, nicht Lästerer, nicht Räuber werden das Reich Gottes ererben.“

Hier wird deutlich heidnisches Leben gebrandmarkt, und hier ist die jüdische Tradition leitend, und deren Beurteilung heidnischen Lebens, das neben den moralisch verwerflichen Handlungen durch Götzendienst charakterisiert ist. Paulus nennt die Vergehen gegenüber der Ehe: der eigenen durch das sich Einlassen mit Huren; der fremden des Ehebruchs, daneben beide Funktionen, in denen Verkehr unter Männern stattfindet: der aktive Päderast (ajrsenokovth") und der passive „Lustknabe“ (malakov"; Weichling). Dies gehört für die Gemeinde in Korinth der Vergangenheit an. Paulus fügt nämlich hinzu: „Und das waren einige von euch. Aber ihr seid abgewaschen worden, aber ihr seid geheiligt worden, aber ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“

Wie die ganze pagane Antike der Meinung war, daß jede Form der Sexualität selbstgewählt ist, Homosexualität also nicht auf etwas beruht, das wir „Veranlagung“ nennen, so rechnet Paulus damit, daß auch sie für Christen der Vergangenheit angehört: „Aber jetzt …“. Es ist auffällig und bezeichnend, daß darin wieder der Begriff der Heiligung vorkommt, eben jener bestimmende Gedanke, der schon im Heiligkeitsgesetz des AT leitend war: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ Gleich am Anfang in 6,1 nennt Paulus die Korinther „Heilige“.

Wir müssen uns noch etwas genauer die Situation der korinthischen Gemeinde vor Augen halten, wie sie dem näheren Kontext zu entnehmen ist. Zu Beginn von Kapitel 5 sieht sich Paulus genötigt, mit harten Worten die Gemeinde zu tadeln, da sie bei einem sexuellen Vergehen in ihrer Mitte, Inzest, untätig geblieben war. Obwohl leiblich abwesend, ergreift Paulus drastische Maßnahmen, denn dieser „Sauerteig“ könnte den ganzen Teig durchsäuern. Diesen dürfte es überhaupt nicht mehr geben, denn es ist Passa, die Zeit ohne Sauerteig. Aber die Korinther leben so, als wäre nichts geschehen. Sie leben unzeitgemäß. Natürlich können sie nicht aus dieser Welt auswandern, um mit deren Sündern nichts mehr zu tun zu haben, aber daß sie, die einst die Welt und sogar die Engel richten werden, mit ihren Streitsachen vor weltliche Gerichte gehen, das zeigt wieder einmal, daß sie nicht entsprechend der Neuheit des Geistes leben. Schlimmer noch: Es ist ja schon eine „Niederlage“,  daß sie Rechtsstreitigkeiten haben. Dem neuen Sein angemessen wären Rechtsverzicht und die Bereitschaft, lieber Unrecht zu erleiden als zu tun. Es ist offensichtlich, daß hier an Jesusüberlieferung erinnert wird. „Ihr aber“, fährt Paulus entrüstet fort, „begeht Unrecht und ihr begeht Raub – und das an Brüdern!“ In eine rhetorische Frage („Oder wißt ihr nicht ...?“) kleidet Paulus die grundsätzliche Aussage: Ungerechte werden Gottes Herrschaft nicht erben/als Anteil bekommen. Die Korinther waren mit dieser biblischen Redeweise offenbar wohl vertraut. Sie entspricht dem Eingehen in die Gottesherrschaft der Jesusüberlieferung.

Was „Ungerechte“ sind, das macht Paulus in einem Lasterkatalog von zehn Gliedern deutlich, den er mit der Warnung vor Selbsttäuschung einleitet. An erster Stelle stehen die „Hurer“, was ganz dem Kontext entspricht, gefolgt von den „Götzendienern“, womit Paulus ein weiteres Thema seiner Auseinandersetzung mit den Korinthern anklingen läßt.

Dem nachfolgenden „Ehebrecher“ läßt Paulus die männliche Homosexualität folgen, wobei er die beiden darin eingenommenen Rollen nennt. Die folgenden Laster sind bereits aus Kap. 5 bekannt: Habgierige, Säufer, Lästerer und Räuber. Auch wenn nicht ausdrücklich angespielt wird, so ist doch offensichtlich, daß Teile des Dekalogs Pate gestanden haben. Daß nicht der ganze Dekalog im Blick ist, hängt wohl mit der spezifischen Lage und Konfliktsituation mit der korinthischen Gemeinde zusammen: Unrecht tun und sich gegenseitig berauben auf der einen Seite, sexuelle Mißstände auf der andern. Als spezielle Form des im Dekalog verbotenen Ehebruchs fügt Paulus die Ausübung der Homosexualität unter Männern hinzu; auch beim Ehebruch hat er Männer vor Augen.

Dies alles gehört aber der vergangenen Zeit und Existenz an! „Und das waren einige von euch!“

„Aber ihr seid abgewaschen worden, aber ihr seid geheiligt worden, aber ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“

Ich will betont darauf verweisen, daß wir hier, wie auch sonst nirgendwo, einen Traktat über Homosexualität vor uns haben, sondern daß wir hier eine die korinthische Situation beleuchtende Aufzählung von Personen(gruppen) vor uns haben, zu denen einst einige der korinthischen Christen gehört haben. Der Skandal ist, daß sich in Korinth Christen so verhalten, als wäre alles beim Alten. Päderastie gehört zu dem, was eigentlich vergangen sein müßte wie Habgier, Trunksucht und Lästereien.

Es ist auffällig – und wir werden es im 1Tim und der Didache beobachten – daß durchweg zum Dekalogverbot des Ehebruchs die Päderastie hinzugefügt wird. Daraus lassen sich zwei Beobachtungen ableiten: 1. Auch wenn in frühchristlichen Gemeinden das Verbot des Ehe-bruchs akzeptiert war, so stellte sich die Frage, ob Päderastie in dieses Verbot eingeschlossen ist. Dies wird ausdrücklich bejaht. 2. Eine solche Frage konnte nur dort aufbrechen, wo Bisexualität eine nicht hinterfragte Realität war.

Wir stellen uns folgende Problematik vor: Ein Mann, der Christ geworden ist, hält sich an das Verbot des Ehebruchs. Darf er dann zu einer Prostituierten? Paulus wird sogleich im Anschluß an unsere Perikope dies vehement verneinen. OK. Darf er dann mit einem jungen Mann geschlechtlichen Verkehr haben? Auch das wäre – Paulus sagt es implizit – Ehebruch. Und darf ein junger Mann, der noch nicht ehemäßig gebunden ist, als Sexualpartner zur Verfügung stehen? Paulus antwortet: Wenn das eine nicht statthaft ist, ist es das andere auch nicht.

Exkurs: 1Tim 1,10, Didache 2,2-7, Barnabas 10,6-8

Bevor wir uns der paulinischen Schlüsselstelle Röm 1,26ff zuwenden werfen wir einen Blick auf den deuteropaulinischen 1Tim 1,8-11.

Im Kontext heißt es: (8) „Wir wissen aber, dass das Gesetz gut ist, wenn man es gesetzesentsprechend gebraucht, (9) (und zwar) in dem Wissen, dass das Gesetz nicht für den Gerechten gegeben ist, vielmehr für

Gesetzlose und Aufrührer,

Gottlose und Sünder,

Unheilige und Befleckte,

Vatermörder und Muttermörder,

Totschläger,

(10) Unzüchtige (Hurer), Päderasten,

Menschenhändler,

Lügner, Meineidige –

Und was sonst der gesunden Lehre widerstreitet (11) nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes, mit dem ich betraut worden bin.“

Das Gesetz hat nach der Ansicht des Verfassers der Pastoralbriefe die Bedeutung, die Übertreter erkennbar zu machen. Was Gesetzesübertretung ist, das faßt er in vierzehn starken Begriffen zusammen, von denen zehn überhaupt nur hier in neutestamentlichen Lasterkatalogen vorkommen. Die massivsten Vergehen im zwischenmenschlichen Bereich, wie Vatermörder, Muttermörder, Totschläger, Menschenhändler/-räuber, (Meineidige) sind überhaupt nur hier im NT zu finden. Den Päderasten kennen wir dagegen aus 1Kor 6, 9.

Nun ist die Liste nicht einfach eine Aufzählung besonders gravierender Vergehen, sondern – der Thematik „Gesetz“ verpflichtet – am Dekalog orientiert, auch wenn sprachlich kaum auf den dortigen Wortlaut bezug genommen wird. Das könnte dafür sprechen, daß es sich um eine traditionelle Lasterliste handelt, die der jüdisch-hellenistischen Synagoge entstammt. Die Liste ist zweigeteilt in Verfehlungen gegenüber Gott (1. Tafel) und Verfehlungen gegenüber Menschen (2. Tafel).

„Gesetzlose und Aufrührer, Gottlose und Sünder, Unheilige und Befleckte“ sind die Übertreter der ersten beiden Gebote (die Sabbatheiligung ist nicht eigens aufgeführt, aber Verletzung des Sabbats ist mit eingeschlossen).

Ab dem 4. Gebot werden die Entsprechungen explizit:

Vater und Mutter ehren (4. Gebot): Vatermörder und Muttermörder

Töten (5.): Totschläger

Ehebrechen (6.): Unzüchtige, Päderasten

Stehlen (7.): Menschenräuber/ -händler

Falsch Zeugnis reden (8.): Lügner, Meineidige

In der allgemeinen Wendung werden die beiden Gebote des Nichtbegehrens (9. Haus; 10. Frau etc.) zusammengefasst.

In unserm Kontext ist wichtig, daß Unzucht/Hurerei und Päderastie dem Ehebrechen assoziiert sind, d.h. diese sind Verstöße gegen den Dekalog. Dabei wird jeweils die extremste Art des Vergehens benannt. Zwei Aspekte sind wichtig: Die aufgezählten Vergehen sind im Dekalog mit gemeint; ihre Ausübung ist Dekalogübertretung.

Die Argumentation greift nicht auf die Schöpfungsordnung zurück, sondern zählt Päderastie zu den Vergehen die die Gemeinschaft zerstören, die durch die Gebote der zweiten Tafel geschützt werden soll. All das könnte auch in einem jüdisch-hellenistischen Traktat stehen, wenn nicht ein expliziter Rückbezug auf das Evangelium stattfände in dem Sinne: Wer so handelt, wie die Liste ausgeführt hat, der verstößt nicht nur gegen den Dekalog, sondern das Evangelium, das allein rettend ist.

In ganz ähnlicher Weise orientiert sich die Didache in der Verbotsreihe 2,2-7 am Dekalog, und Sie werden leicht die Ergänzungen erkennen, darunter auch eine ganz spezifisch unserm Thema zugehörige:

(2) „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht Knaben schänden (ou paidophthoräseis), du sollst nicht unzüchtig sein (ou porneuseis), du sollst nicht stehlen, du sollst nicht Zauberei treiben, du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreibung töten, noch das Neugeborene umbringen. Du sollst nicht nach dem Besitz deines Nächsten verlangen. (3) Du sollst nicht falsch schwören, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht schmähen, du sollst nicht Böses nachtragen.“ (etc.). „Du sollst nicht ehebrechen“ wird hier ergänzt durch das Verbot des homosexuellen Verkehrs mit einem Jüngeren und überhaupt durch sexuelle Betätigung außerhalb der Ehe („Hurerei“).

Sitz im Leben ist, wie auch für 1Kor und 1Tim, das Leben der überwiegend heidenchristlichen Gemeinde in ihrer paganen Umgebung. Es soll deutlich gemacht werden, daß das Dekaloggebot „Du sollst nicht ehebrechen“ nicht auf die Verletzung der Ehe (ob eigener oder anderer) zu begrenzen ist, sondern auch jedwede – und damit auch homosexuelle – sexuelle Betätigung außerhalb der Ehe. Sowohl in 1Tim als auch in Didache stehen neben dem Päderasten die Hurer (das heißt: die sexuell Regellosen). Das setzt fort, was Paulus in 1Kor 6, 9 zusammengestellt hatte: Neben den Hurern und Götzendienern stehen die Ehebrecher und die praktizierenden Homosexuellen (jeweils entsprechend ihrer Rolle als passive oder aktive).

Auf welchem theologischen Niveau hier argumentiert wird sieht man im Vergleich mit dem nur wenig späteren Barnabasbrief, der das Verbot bestimmter sexueller Praktiken aus der allegorischen Gesetzesauslegung ableitet. Unter den zum Verzehr verbotenen Tieren werden in Lev 11 u.a. Hase, Hyäne und Wiesel genannt. Der Verfasser des Barnabasbriefes weiß natürlich, warum (10, 6-8):

(6) „Aber auch den Hasen sollst du nicht essen; warum? Ja nicht, meint er (scil. Mose) sollst du ein Knabenschänder werden und dich solchen angleichen; denn der Hase vermehrt jährlich den After; wie viele Jahre er nämlich lebt, so viele Öffnungen hat er.

(7) ‚Aber auch die Hyäne sollst du nicht essen;’ Ja nicht, meint er, sollst du ein Ehebrecher noch ein Schänder werden noch dich solchen angleichen. Warum? Weil dieses Tier jährlich seine Wesensart wandelt und bald männlich, bald weiblich wird.

(8) Aber auch das Wiesel hat er zu Recht verabscheut. Ja nicht, meint er, sollst du wie so einer werden, noch (dich) solchen angleichen noch anschließen, von welcher Art wir hören, daß sie aus Lasterhaftigkeit Unzucht mit dem Mund treiben, noch schließe dich den Lasterhaften an, die Unzucht mit dem Mund treiben. Denn dieses Tier empfängt mit dem Maul.“

Die Speisegebote werden nach Barn von den Juden völlig mißverstanden, wenn sie wörtlich eingehalten werden. In Wirklichkeit verbietet das Gesetz mit dem Verbot, Hase, Hyäne und Wiesel zu verspeisen, Sexualpraktiken, die die Antike (z.B. im Physiologus) bei diesen Tieren gefunden hat: Der Hase steht für homosexuellen Analverkehr, die Hyäne für Homosexualität überhaupt, das Wiesel für Oralverkehr.

Der zentrale Text bei Paulus ist Röm 1,18-32, und er ist der einzige neutestamentliche Text, der von dem spricht, was gemeinhin heute unter „Homosexualität“ verstanden wird:

(18) „Denn offenbart wird Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten. (19) Denn was erkennbar ist von Gott, ist offenbar bei ihnen. Denn Gott hat es ihnen kundgetan. (20) Denn seine Unsichtbarkeit wird seit Beginn der Schöpfung an seinen Werken kraft vernünftiger Einsicht wahrgenommen, seine ewige Kraft und Gottheit, so daß sie ohne Entschuldigung sind. (21) Denn obwohl sie Gott erkannt haben, haben sie ihm als Gott nicht Ehre und Dank dargebracht, sondern sie wurden zunichte gemacht in ihren Gedanken und verfinstert wurde ihr unverständiges Herz. (22) Indem sie behaupteten, weise zu sein, wurden sie töricht (23) und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit der Gleichgestalt des Bildes des vergänglichen Menschen und von Vögeln und Vierfüßlern und Kriechtieren. (24) Darum hat Gott sie dahingegeben in den Begierden ihrer Herzen an Unreinheit, daß ihre Leiber geschändet würden durch sie selbst. (25) Haben sie doch die Wahrheit Gottes verkehrt in den Trug und Verehrung und Dienst erwiesen der Schöpfung statt dem Schöpfer – er sei gepriesen in Ewigkeit. Amen. (26) Darum hat Gott sie dahingegeben an schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen. (27) Ebenso sind auch die Männer, den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassend, in ihrem Verlangen gegenseitig entbrannt. Männer treiben mit Männern Schande und empfangen den gebührenden Lohn an sich selbst. (28) Und weil sie es nicht wert geachtet haben, Gott zu haben in Erkenntnis, hat Gott sie dahingegeben an haltlosen Sinn, zu tun, was sich nicht gehört. (29) Erfüllt von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habsucht, Bosheit; voll von Neid, Mord, Streit, List, Verschlagenheit; Ohrenbläser, (30) Verleumder, Gotteshasser, Gewalttäter, Überhebliche, Prahler; erfinderisch im Bösen, den Eltern Ungehorsame, (31) unverständig, unbeständig, lieblos, ohne Erbarmen. (32) Obwohl sie Gottes Rechtssetzung kennen, daß die, die dies tun, des Todes schuldig sind, tun sie es nicht nur, sondern zollen auch denen Beifall, die es tun.“

Röm 1,18ff zeigt Paulus, daß alle Menschen unter der Herrschaft der Sünde sind und der Zorn Gottes, Gottes Gericht über sie offenbart wird. Grundsünde des Menschen ist der Götzendienst, d.h. die Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf. Das Wissen um den Schöpfer und die Gottheit Gottes ist allen Menschen, auch Heiden, zugänglich, weil er in seinen Werken offenbar und von der Vernunft wahrnehmbar ist. Und so gibt es auch für Heiden keine Entschuldigung: V. 21.

Der zweite Teil dieses Verses zeigt die tödliche Folge: das Verfallen der Vernunft an das Nichtige und die Verfinsterung des Herzens. Daraus rührt die falsche Selbstwahrnehmung („weise zu sein und sind Toren“) und die „Verwechslung der Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit den Abbildern vergänglicher Gestalten“ (E. Stegemann 74). Dieses Verwechseln von Schöpfer und Geschöpf hat zur Konsequenz die Verwechslung der Ordnung in den menschlichen Beziehungen. Die Konsequenzen – so Paulus – haben sich die Menschen selbst zuzuschreiben. Eklatanter Ausdruck ist die in V. 27 geschilderte Verkehrung der natürlichen Ordnung in der Sexualität, ihr folgen in 28-31 soziale Perversionen. Das Ganze rührt her von der „Ursünde“ des Menschen, Gott nicht als Gott anzuerkennen. V. 32: Todesgeschick; sie tun es nicht nur selbst, sondern akklamieren auch beifällig.

Daß unter diesen Vergehen an prominenter Stelle Homosexualität von Frauen und Männern erscheint, hängt damit zusammen, daß Paulus in diesem Verwechseln am sinnfälligsten jene Ursünde des Verwechselns von Schöpfer und Geschöpf deutlich machen kann. Hinzu kommt, daß vom jüdischen Blickwinkel her dies als besonders typisch für die heidnische Welt erachtet wurde. Wichtig ist, daß Homosexualität zwar den breitesten Raum einnimmt, mit den anderen Vergehen aber qualitativ (im negativen Sinn) auf einer Ebene steht, insofern sie alle unter die Todeswürdigkeit fallen. Aus dem Begriff des „Verwechselns“ kann man nicht schließen, Paulus meine hier Heterosexuelle, die sich – gegen ihre Natur – homosexuell betätigen wie heute zuweilen angenommen wird, um die Härte der Aussage zu mildern. Wie ich vorhin schon sagte, Paulus denkt – wie die Antike – nicht an Veranlagung, sondern an willentliches Tun.

Hier wird die religiöse Motivation in der Ablehnung der Homosexualität überdeutlich. Paulus verknüpft männliche und weibliche Homosexualität mit der Gottlosigkeit als Konsequenz aus der Verehrung des Geschöpfs, nicht des Schöpfers. Daß Paulus dabei auch von weiblicher Homosexualität spricht, zeigt die Radikalität seiner Position. Der Zusammenhang mit Götzendienst geht zurück auf die alttestamentlich-jüdische Bewertung der Homosexualität, die darin ja typisch heidnische Religiosität sah.
 

III. Abschließende Überlegungen

Was tun wir mit einem solchen Befund? Lassen Sie mich noch einmal bei dem zu Griechenland und Rom Gesagten ansetzen, dem ich ein wenig von seiner Verklärung nehmen wollte. Die Herrschaftsform, in der dort Sexualität ausgeübt wurde, kann und darf nicht bestimmend weder für hetero- noch für homosexuelles Verhalten sein. Alle Sexualität muß in einer gleichberechtigten, liebenden und verläßlichen Weise (gemeinhin Treue genannt) gelebt werden. Und so stellt auch aus diesem Grund die pagane Antike kein Modell für heutiges Verhalten dar. Paulus werden wir entgegenhalten können und müssen, daß Homosexualität weithin nicht selbstgewählter Lustgewinn, sondern Veranlagung oder Prägung ist. Theologisch gesehen ist sie dann Teil unser Geschöpflichkeit und kann und soll als solche angenommen werden. Niemand hat das Recht, von anderen freiwilligen Verzicht zu verlangen. Vielmehr muß christliche Gemeinde mithelfen, Bedingungen zu schaffen, in denen Hetero- und Homosexuelle in Würde und gegenseitiger Achtung liebende Partnerschaft leben können. Dies könnte auch helfen, daß Homosexualität nicht geradezu zu einer Obsession führt, die alles Denken und Handeln bestimmt. Auch Heterosexualität kann zur Obsession werden und wird so in der Öffentlichkeit propagiert. Paulus hat hier selbst einen Weg gewiesen, in dem das Unvereinbare eins wird: „Es ist jetzt nicht mehr Jude noch Grieche, Sklave noch Freier, Mann und Frau; ihr alle seid eins in Christus Jesus“ (Gal 3,28). In Christus gibt es die Differenz der angeblich unüberwindbaren Gegensätze nicht mehr.

Ich will noch einmal daran erinnern: Homosexualität ist kein Hauptgegenstand christlicher Lehre, sondern lediglich Teil der ethischen, an den 10 Geboten orientierten Unterweisung.

Ich muß am Ende noch auf einige nur angerissene oder offen gelassene Fragen eingehen.

Zu den biblischen Grund- und Kernaussagen gehört der Zuspruch, daß wir von Gott angenommen sind,  wie wir sind, in unserer Gebrochenheit und Sündhaftigkeit, in unserer Erlösungsbedürftigkeit. Es kann also nicht die Frage sein, ob es weniger sündhaft und weniger gebrochen gibt – und wir das auch wüßten -, sondern daß wir ausnahmslos von der Zuwendung Gottes in Jesus Christus leben. Unser Lebensentwurf kommt von dieser bedingungslosen (ich sage „bedingungslos“ gerade im Horizont unseres Themas) Annahme her. Und weil wir bedingungslos angenommen sind, können wir uns selbst annehmen. Das meint uns ganz. Wir verstehen es gerne so: Mit dem Leichten und Glücklichen an uns haben wir es ja leicht, aber wir sollen jedoch auch das Schwere annehmen. Das ist schon etwas. Aber wir sollen uns ganz annehmen, weil wir auch ganz angenommen sind. Das könnte man jetzt im Blick auf die Sexualität durchkonjugieren. Da würde sich herausstellen, was wir aus der Grammatik kennen: Daß es bei den gebräuchlichsten Verben die meisten Unregelmäßigkeiten gibt. Oder zurück zur theologischen Sprache: Der Schöpfer ist in der Vielfalt dessen, was er hervorbringt, unkontrollierbar. Ich berühre hier bewußt noch einmal den umstrittenen Punkt der schöpfungsmäßigen Veranlagung. Paulus, wie alle Alten, wäre hier nicht gefolgt. Für die Antike war die Entscheidung für eine bestimmte Form – besser: für bestimmte Formen – der Sexualität nicht determiniert, sondern frei gewählt. Gewiß, Paulus geht einen Schritt weiter: Wegen der Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf hat Gott Frauen und Männer zum Tun des Frevlerischen „dahingegeben.“ Aber sie hatten die Grundentscheidung getroffen.

Ich könnte es mir jetzt leicht machen, wollte ich die Ablehnung der Homosexualität durch Paulus in seine praktische Reserve gegenüber der Ehe und Sexualität einordnen. Das würde Paulus nicht gerecht, unterscheidet er doch durchaus zwei Ebenen. Wenn er über Ehe und Ehelosigkeit als von verschiedenen Charismen spricht, so nennt er Homosexualität doch nie ein Charisma. Warum? Die Antwort ist ganz einfach: Weil Homosexualität freie Wahl ist, und zwar die falsche, aber freie. Hier geht Paulus von andern Voraussetzungen aus, als uns heute möglich sind. Die Schöpfungsordnung – „Als Mann und Frau hat er sie geschaffen“, und „Seid fruchtbar und mehret euch“ hebt nicht die Schöpfungswirklichkeit auf.

Und dabei sind wir beim zweiten Punkt, dem Einwand, männliche und weibliche homosexuelle Praxis würde Gen 1,28 „Seid fruchtbar und mehret euch“ entgegenstehen. Ich kann das nur mit Erstaunen hören. Denn, 1. wird die Ablehnung der Homosexualität in biblischen Texten nie als Verstoß gegen Gen 1,28 gebrandmarkt (das geschieht später, aber bezeichnenderweise nicht im NT); zweitens gab es schon seit biblischer Zeit anlagebedingte Nichterfüllung dieses Gebots, und drittens – ich wies schon darauf hin – entscheiden sich heute mehr heterosexuelle Paare als es Homosexuelle gibt für Kinderlosigkeit. Wer für Gen 1,28 streiten möchte – und dafür habe ich volles Verständnis und gebe jede Unterstützung -, der soll sich nicht an Homosexuelle, sondern an Heterosexuelle wenden; sie sind heute die größere Verweigerungsgruppe.

Der letzte Punkt betrifft unseren Umgang miteinander. Sexualität ist ein so kostbares Geschenk und intimes Geheimnis, daß ich wünschte, niemand wüßte, wie ich sexuell veranlagt bin und mich verhalte, und ich wüßte es von keiner und keinem andern. Aber die Verhältnisse, die sind nun mal nicht so. Wir wissen von einander viel zu viel. Oder wissen wir letztlich zu wenig? Jedenfalls sieht es so aus, als ob wir das Falsche voneinander wüßten.

Das „Richtige“ würde in einem Wort zusammengefaßt Antwort auf alle Unsicherheiten geben: Liebe.

Das heißt auch, daß wir offener über Sexualität reden müssen – nicht lauter oder schriller oder schockierender – sondern offen und behutsam. Und wir wollen uns auch klarmachen und nicht verschweigen, daß Heterosexualität nicht von vornherein einen angemessenen und verantwortlichen Umgang mit der eigenen Sexualität bedeutet. Auch hier gibt es das Überschreiten von Grenzen, die die andere/den anderen zum Werkzeug der eigenen Interessen machen und ihn/sie entwürdigen. Auch Heterosexualität geschieht jenseits von Eden.