30.01.14

Lucie Panzer zu Lebensformen im SWR1

Anstöße SWR1 / Morgengedanken SWR4 Baden-Württemberg
Sendetext von Dienstag, 28. Januar 2014
Autorin: Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Die Andacht als pdf.

Als ich zur Schule ging gab es in meinem Mädchengymnasium noch keine Sexualkunde. Dafür gab es auf dem Schulhof die unglaublichsten Gerüchte. Die haben uns ängstlich gemacht und unsicher. Als meine Tochter zur Schule ging, gab es an ihrer Schule Sexualkunde – im Bio-Unterricht. Aber das war auch nicht so richtig gut. Am Mittagstisch hat sie uns Eltern ganz ungläubig gefragt: „Habt ihr das wirklich gemacht?“ Die Schule sollte helfen, dass Menschen ohne Angst ins Leben gehen können. Dass Jungen und Mädchen die Gaben entfalten können, die in ihnen sind. Auch die Sexualität. Und dass klar wird: Sexualität ist nicht nur eine biologische Funktion. Es geht um Beziehungen, um Liebe, um Partnerschaft, um die Frage, wie ich eigentlich leben will. Das sind wichtige Themen für die Schule. Deshalb fänd ich es für meine Enkel gut, dass die Beziehungen zwischen Menschen, die es im Umfeld der Kinder gibt, auch im Unterricht vorkommen. Dass Patchworkfamilien vorkommen in den Geschichten, mit denen sie lesen lernen. Dass alleinerziehende Mütter und Väter vorkommen. Damit die Lesebücher und die Rechenaufgaben ihnen nicht vermitteln: normal und richtig ist es nur dann, wenn Vater, Mutter und Kinder konfliktfrei beieinander sind. Sondern dass Familien auch aus zwei Müttern und ihren Kindern bestehen können, und dass auch zwei Männer ein Paar sein können. Deshalb finde ich es gut, dass nach dem neuen Bildungsplan die verschiedenen Formen des Zusammenlebens im Unterricht thematisiert werden sollen. Weil sie ja zu Hause bei den Kindern auch vorkommen, in der Nachbarschaft oder auch im Nachmittagsprogramm im Fernsehen. Damit Kinder, die mit ihrer Mutter allein leben, nicht den Eindruck kriegen, bei uns stimmt was nicht. Und damit Kinder, die neben einem schwulen Paar wohnen, den Männern freundlich und vorbehaltlos guten Tag sagen können und vielleicht am Samstag mit ihnen Fußball spielen. Auch wenn sie auf dem Schulhof gehört haben, dass „Du schwule Sau“ ein schlimmes Schimpfwort ist. Ob ich als Christin nicht weiß, dass in der Bibel Homosexualität als verwerflich gilt? Ja, das weiß ich. Aber ich weiß auch, dass damals homosexuelle Partnerschaften gar nicht denkbar waren. Da gab es Homosexualität nur als fragwürdiges Vergnügen für Menschen, die offiziell ganz ordentlich verheiratet waren. Das, in der Tat, erniedrigt Menschen und macht sie zu Objekten der Selbstbefriedigung. Gott sei Dank ist das heute anders. Auch Homosexuelle können und dürfen in dauerhaften, verlässlichen Partnerschaften leben. Ich finde, das sollten Kinder und Jugendliche in der Schule erfahren.