09.04.11

Stuttgarter Zeitung 19.3.2011: Das Kreuz mit der Liebe

Homosexualität.
Die württembergische Landeskirche tut sich bis heute schwer mit Schwulen und Lesben im Pfarramt. Eine evangelische Seelsorgerin und ihre Lebensgefährtin erzählen von Heimlichkeiten, Anfeindungen und Offenbarungen.

Von Nicole Höfle

 

Barbara Bill und Sabine Müller (beide Namen geändert) sind seit mehr als 20 Jahren ein Paar. Vor fünf Jahren ist ein Adoptivsohn dazugekommen. Vor drei Jahren haben sie ihre Lebenspartnerschaft mit Freunden, Sekt und Tränen der Rührung vor dem Standesamt besiegelt. Aus Sicht der lesbischen Frauen ist das Familienglück in dem kleinen Reihenhaus in der Region Stuttgart damit perfekt. Ein Problem gibt es doch: Barbara Bill ist Pfarrerin der württembergischen Landeskirche, die sich auch im Jahr 2011 noch schwertut im Umgang mit homosexuellen Seelsorgern.

Wieder hochgekocht ist das Thema durch einen unscheinbaren Paragrafen des neuen Pfarrdienstgesetzes, das die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im November einstimmig verabschiedet hat. Dort ist zu lesen: "Pfarrerinnen und Pfarrer sind auch in ihrer Lebensführung im familiären Zusammenleben und in ihrer Ehe an die Verpflichtungen aus der Ordination gebunden. Hierfür sind Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Verantwortung maßgebend." Was den Paragrafen heikel macht, ist die Fußnote, die den Begriff familiäres Zusammenleben genauer definiert - und darunter auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften versteht. Sprich: das neue Gesetz macht es möglich, dass schwule und lesbische Pfarrer ganz selbstverständlich mit ihren Partnern im Pfarrhaus zusammenleben. Wie die württembergerische Kirche dieses Gesetz konkret umsetzt, wird die Landessynode im nächsten Jahr entscheiden.

Für den württembergischen Altbischof Theo Sorg ist diese Fußnote eine regelrechte Provokation. Der 81-Jährige lebt inzwischen mit seiner Frau in Blaubeuren, ganz in der Nähe seiner Tochter. Sorg ist Vater von vier Kindern und stolzer Großvater von sechs Enkeln. Er hat ein traditionelles Familienbild gelebt, seine Kinder tun es auch. "Das Pfarrhaus hat bis heute eine Leitbildfunktion. Die Menschen sollen dort ein Stück Normalität erleben. Das ist für mich eine Ehe zwischen Mann und Frau mit all den Gefährdungen, die damit verbunden sind", sagt Sorg. Für ihn ist Homosexualität eine "Ausnahmeerscheinung in der natürlichen Schöpfungsordnung", und er will nicht, dass diese Ausnahme durch das neue Recht zur Normalität erklärt wird.

Deshalb hat er mit sieben anderen Altbischöfen einen Brandbrief an alle Mitglieder der Synoden der EKD geschrieben. Darin wird auf den Brief von Paulus an die Römer verwiesen, in dem gleichgeschlechtliches Zusammenleben zu den gottwidrigen Verhaltensweisen gezählt wird, denen "die Offenbarung des Zorngerichts Gottes" gilt.

Sabine Müller kennt die Bibelstellen in- und auswendig, die von konservativen Theologen angeführt werden, wenn es um Homosexualität geht. Sie sitzt in dem gemeinsamen Wohnzimmer bei einer Tasse Roibuschtee und wirkt in diesem Moment sehr müde: "Es ist verletzend, seit Jahrzehnten zu hören, dass man nicht zur natürlichen Schöpfungsordnung gehört. Das ist eine Glaubensauffassung, die unser Dasein infrage stellt", sagt die 58-Jährige. Die beiden Frauen wundern sich nicht zum ersten Mal darüber, dass in diesem Fall die Bibel so wörtlich ausgelegt wird. "Heute verlangt ja auch niemand mehr, dass Frauen bei Ehebruch gesteinigt werden, nur weil es in der Bibel steht", sagt Barbara Bill. Die Heilige Schrift verlange, dass Beziehungen mit Respekt und Verantwortung gelebt werden, unabhängig davon, ob es sich um eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann handele. "Und das tun wir seit mehr als 20 Jahren."

Was den Paulusbrief angeht, verlangt die Pfarrerin eine Interpretation aus dem historischen Kontext heraus. "Geschildert werden hier Abhängigkeitsverhältnisse, homoerotische Beziehungen mit Knaben, bei denen der eine seine Macht nutzt und der andere sich prostituiert." Das abzulehnen sei vollkommen in Ordnung. Unterstützt werden die Lesben und Schwulen von pragmatischen Theologen wie dem Stuttgarter Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich: "Die Kirche sollte alle Menschen unterstützen, die verlässliche Beziehungen leben wollen. Und sie sollte die Pfarrer nach ihrer Arbeit und nicht nach ihrer sexuellen Orientierung beurteilen", sagt er.

Als sich die beiden Frauen in den 80er Jahren lieben gelernt haben, war Barbara Bill Pfarrerin in einer Gemeinde und Sabine Müller dort als Ehrenamtliche aktiv. Es dauerte nicht lange, bis der Wunsch nach einer gemeinsamen Wohnung aufkam. Barbara Bill entschloss sich dazu, ihre Lebensgefährtin aufzunehmen. "Im Pfarrhaus war Platz genug für uns als Paar", erzählt die 59-Jährige. Was sie ihrem Kirchengemeinderat sagte, war etwas ganz anderes: Sie habe immer ein offenes Pfarrhaus gepflegt, habe Asylbewerber aufgenommen, Künstlern ein Obdach geboten, jetzt aber wolle sie eine verlässliche und dauerhafte Untermieterin aufnehmen. Der Kirchengemeinderat stimmte zu, niemand fragte nach der Beziehung zwischen den Frauen. Auch der Kirchenpfleger kümmerte sich nur um die Aufteilung der Quadratmeter. "Damals haben wir uns geduckt, geschwiegen und Angst gehabt", sagt Sabine Müller, Lehrerin von Beruf.

Die beiden Frauen sind oft zusammen aufgetreten, zumal Sabine Müller bald in den Kirchengemeinderat gewählt wurde. Als Paar aber haben sie sich nie gezeigt, sie gingen nie Hand in Hand, vermieden stattdessen krampfhaft jede Berührung. Irgendwann vertrauten sie sich den unmittelbaren Vorgesetzten der Pfarrerin an und einem kleinen Kreis in der Gemeinde. "Einige wenige haben es gewusst, ein paar haben es geahnt, und die anderen wollten es nicht sehen", sagt Sabine Müller. Das war die Zeit der Heimlichkeiten, die innerkirchlich ohne Beanstandung blieb.

Schwierig wurde es erst, als die Frauen sich dazu entschlossen, es dem Kirchengemeinderat offiziell zu sagen. Das war zu der Zeit, als Barbara Bill eine Pfarrstelle in der Erwachsenenbildung erhielt. Die Frauen luden alle Kirchengemeinderäte zu einem Abschiedsessen in ihre neue Wohnung ein und offenbarten ihr Verhältnis. Danach wurde Sabine Müller in ihrer Arbeit als Kirchengemeinderätin nicht mehr froh, und Barbara Bill sah sich plötzlich einer öffentlichen Kampagne gegenüber. Deren Tenor lautete: ein Mensch mit derlei Neigungen sei nicht tauglich für die Bildung anderer. Barbara Bill trat die Stelle trotzdem an. Sabine Müller brachte ihre Amtsperiode mit Würde zu Ende, sagt aber: "Ich habe nur durchgehalten, weil die Hälfte des Kirchengemeinderats hinter mir stand."

Inzwischen sind wieder ein paar Jahre ins Land gegangen, Barbara Bill arbeitet als Klinikseelsorgerin. Sabine Müller hat ihr Ehrenamt auf den Kirchenchor beschränkt, "wir haben dadurch in unserem Privatleben viel mehr Freiheiten gewonnen", sagt sie. Ins Pfarrhaus zurückkehren würden beide um keinen Preis. "Wir wollen uns wegen unserer sexuellen Orientierung nicht noch einmal rechtfertigen müssen."

An dem Entschluss der Frauen ändert auch die Praxis nichts, die die evangelische Kirche seit zwölf Jahren pflegt. Danach ist es homosexuellen Paaren in "begründeten Einzelfällen" möglich, gemeinsam und mit offiziellem Segen ins Pfarrhaus einzuziehen. Das freilich geht nur, wenn sich die Seelsorger schon bei ihrer Bewerbung zu ihrer Homosexualität bekennen und der Kirchengemeinderat mit dem Partner im Pfarrhaus einverstanden ist. Offiziell aber bleibt die Kirche bei ihrem traditionellen Familienbild. Deshalb kann deren Sprecher Dan Peter auch sagen: "Wir stehen klar zum Leitbild der Ehe von Mann und Frau. Im Grundsatz ist das Zusammenleben von gleichgeschlechtlichen Paaren im Pfarrhaus deshalb nicht möglich." Eine Zahl, wie viele homosexuelle Paare sich ein Pfarrhaus teilen, gibt Peter nicht heraus. Inoffiziell ist von fünf die Rede, noch einmal so viele sollen ein Sonderpfarramt begleiten.

Mit diesen Zahlen konfrontiert, brechen Sabine Müller und Barbara Bill spontan in Lachen aus. Allein ihr Arbeitskreis lesbischer Pfarrerinnen und ihrer Partnerinnen umfasst 25 Frauen, hinzu kommt der Kreis der schwulen Pfarrer. "Nicht zu vergessen die Kollegen in wichtigen Funktionsstellen", sagt Barbara Bill. Dann werden die beiden wieder ernst. Sabine Müller erzählt, dass es bis heute Situationen gibt, in denen sie, wenn sie Hand in Hand gehen, plötzlich auseinanderfahren. "Die Schere im Kopf wird man nicht mehr los." Barbara Bill wünscht sich von ihrer Kirche endlich ein klares Bekenntnis zu homosexuellen Pfarrern. "Es wäre schön, von einem Bischof zu hören: ihr seid eine Bereicherung für uns."

Auf das Bekenntnis aber müssen sie weiter warten. Bischof Frank Otfried July ließ es bei der Synode in dieser Woche bei allgemeinen Ermahnungen: Menschen, die gelebte Homosexualität aufgrund ihres Bibelverständnisses als sündhaftes Verhalten sehen, dürften nicht als "rückhaltlose Fundamentalisten" etikettiert und alle, die sich um praktikable Lösungen für die Paare einsetzten, nicht zu "Antichristen" gemacht werden. Sabine Müller zuckt mit den Schultern: "Ich bin froh, eine innere Distanz zur Kirche gewonnen zu haben."

 


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