09.04.11

Radioandacht 4.März 2011

www.kirche-im-swr.de
Anstöße SWR1 / Morgengedanken SWR4 Baden-Württemberg

Autorin: Sabine Drecoll, Evangelische Kirche


„Schwul" - meine Tochter kennt das Wort noch nicht lange. Erst seit ein Viertklässler es auf dem Schulhof einem anderen hinterher geschrien hat: „Du bist voll schwul". Meine Tochter hat mich erschrocken angeschaut: „Mama: was ist schwul?"
Ich habe Lena erklärt, dass „'schwul' ein anderes Wort für homosexuell ist und dass das die Liebe zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau bedeutet. „Und die Jungs?" fragt Lena. Ich habe versucht, auch das zu erklären: „Die wissen wahrscheinlich gar nicht, was das Wort bedeutet - für die ist das ein gemeines Schimpfwort. Früher dachte man, nur Frauen und Männer dürfen sich lieb haben. Da wurden Homosexuelle richtig angefeindet, sogar ins Gefängnis gesteckt. Das ist heute zum Glück nicht mehr so, aber manche Menschen denken immer noch, dass es etwas Schlechtes ist, wenn ein Mann einen Mann liebt oder eine Frau eine Frau."
„Das ist aber gemein!", meint meine Tochter. Und ich finde, damit hat sie Recht.
Eigentlich sollte man ja denken, dass Homosexualität heute kein Negativ-Thema mehr wäre. Mittlerweile bekennen sich ja ganz selbstverständlich Künstler und sogar Politiker zu ihrer Homosexualität. Aber so akzeptiert ist das Thema leider immer noch nicht - in vielen gesellschaftlichen Bereichen (denken Sie nur an den Profi-Fußball) und leider auch nicht bei manchen Christen. Auch da gibt es immer noch Stimmen, die gleichgeschlechtliche Liebe für etwas Schlechtes halten, und die sich für diese Meinung sogar auf die Bibel berufen. Denn dort gibt es tatsächlich wenige Stellen, in denen gelebte Homosexualität abgewertet oder sogar verboten wird.
Die Frage für mich dabei ist: welche Bedeutung messe ich diesen Bibelstellen zu? Entsprechen Sie der Grundaussage der Bibel, dass Gott ein Gott für die Menschen ist? Oder sind es Moralvorstellungen einer vergangenen Gesellschaft, die für uns heute keine Bedeutung mehr haben - so wie die Essensgebote des Alten Testaments oder die Aussage: „Die Frau schweige in der Gemeinde"?
Für mich ist die Grundaussage der Bibel, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist, egal ob Frau oder Mann, reich oder arm, alt oder jung, Single oder verheiratet, hetero- oder homosexuell. Und als Gottes geliebte Geschöpfe hat Gott uns mit guten Gaben beschenkt: mit Verstand, Herz, Seele, Körper und Sexualität. Auch sie, die Sexualität, ist eine gute Gabe Gottes genauso wie die Liebe, die wir anderen Menschen gegenüber empfinden. Wir gehen gut mit ihr um, wenn wir sie als Geschenk schätzen und leben - in einer verantwortungsvollen Beziehung, in Achtung und Respekt vor dem Menschen, den wir lieben, und vor Gott. Dann steht jede Liebe für mich unter dem Segen Gottes.