Trauung Segnung Hochzeitsfeier? Dokumentation aus der ELK Bayern

Dokumentation zum Studientag zur liturgischen Begleitung
von Lebenspartnerschaften in der ELKB

Herazsgeber: Peter Bubmann/ Silvia Jühne/ Anne-Lore Mauer (Hg.):

Im März 2017 wurde die beiliegende Dokumentation eines Studientags in der ELKB veröffentlicht:

Trauung, Segnung, Hochzeitsfeier? - Hier zum Download

 

 

Vortrag von Siegfried Zimmer zum Thema: "Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle"

Ein Vortrag, der zum Nachdenken anregt:

http://worthaus.org/mediathek/die-schwule-frage-die-bibel-die-christen-und-das-homosexuelle-5-1-1/

Vortrag von Professor Ebach zu Homosexualität und Bibel

Der Vortrag als pdf

 

Aus dem Vortrag:
Zu Beginn dieses Jahres wurde durch einen Brief von acht evangelischen Altbischöfen die innerkirchliche Debatte über Homosexualität neu entfacht. Konkret ging es um die Frage, ob das Kirchenrecht die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Pfarrhaus eröffnen dürfe. In diesem Zusammenhang kam es erneut zu grundsätzlichen Debatten um Homosexualität und die Bibel. Ich bin für den heutigen Vortrag nach Leonberg eingeladen worden, um zu diesem Thema Beobachtungen und Überlegungen aus der Sicht eines Bibelwissenschaftlers mit dem Schwerpunkt auf dem Alten Testament und der biblischen Hermeneutik zu referieren und zur Diskussion zu stellen. 

Einsetzen will ich mit einer grundsätzlichen Frage und zwar mit einer Frage, die mich ziemlich ratlos lässt. Was eigentlich ist an diesem Thema so brisant, dass es immer wieder auftaucht und immer wieder und immer neu die Gemüter erhitzt wie kaum ein anderes?

Vortrag von Prof. H. Lichtenberger zu Homosexualität in der Bibel

Der Vortrag als pdf

 

 

Vortrag von Prof. Herrmann Lichtenberger beim Studientag "Homosexualität und Kirche"

an der Universität Tübingen November 2010

 

 

Homosexualität in der Bibel

 

 

I. Einleitung

 

Lassen Sie mich hier von einem persönlichen Lernprozeß berichten. Von 1988-93 lebten wir in Münster, und bei den Landtagswahlen jener Jahre hatte unser jüngerer 16jähriger Sohn am Gartenzaun unseres Hauses Plakate der Grünen aufgestellt, die besagten: „Seid schwul und zeigt’s ihnen!“ Wir wohnten in einer typischen Professorengegend, man kannte sich, wußte, wer wo wohnte. Wir sprachen mit unsern Söhnen. „Es gibt doch auch andere Plakate der Grünen, die ihr an unserm Haus aufstellen könntet,  warum gerade dieses?“ Im Lauf der Gespräche gegen die Plakate wurden unsere Argumente immer hilfloser, und der ältere Bruder brachte es dann auf den Begriff: „Ihr habt doch bloß Angst davor, dass euer Sohn für einen Schwulen gehalten werden könnte oder daß er es tatsächlich ist.“ Genau, da waren wir erwischt, überführt unserer Vorurteile, beschämt in unserem Unverständnis.

 

Doch zunächst zum Begriff der Homosexualität.

 

Er wurde 1869 vom deutsch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny geprägt, sein Pendant Heterosexualität erblickte elf Jahre  später das Licht der Welt. Homosexualität ist danach eine Laune der Natur, daß bei der Geburt Mann und Frau bindend mitgegeben ist, einerseits „einen direkten Horror vor dem Gegengeschlechtlichen“ zu empfinden“, andererseits es unmöglich ist, „sich dem Eindrucke zu entziehen, welchen einzelne Individuen des gleichen Geschlechts auf sie ausüben“ (zitiert nach F. X. Eder, Kultur der Begierde, München 2002, 159).

 

Wir können hier nicht die vielfältige Begriffs- und Definitionsgeschichte weiterverfolgen; so viel sei wenigstens angedeutet: Es ging u.a. um die Frage, ob es sich bei männlichen und weiblichen Homosexuellen um Spielarten der Sexualität handle, oder gewissermaßen um ein „drittes“ bzw. „viertes“ Geschlecht. Vielfältige Fragen verbinden sich für die frühe Sexualforschung damit: Handelt es sich um eine angeborene Entwicklungsstörung, ist Homosexualität natürlich oder pathologisch, ist sie entsprechend unveränderlich oder heilbar? Gibt es äußerlich wahrnehmbare Anzeichen, die von Heterosexuellen unterscheiden, und lassen sich tatsächlich überdurchschnittlich viele Hochbegabte einerseits, viele psychisch Kranke andererseits unter ihnen finden? Setzt Homosexualität den freien Willen außer Kraft, so daß Homosexuelle, anders als Heterosexuelle, die ihre Sexualität angeblich kontrollieren, von ihrer Sexualität besessen sind, von ihr Getriebene sind und sich (allein) darüber definieren?

 

Sie sehen, das 19. Jahrhundert hat eine Reihe von Fragen und Vorurteilen vorgegeben, die heute noch bestimmend sind. Ein Argument des 19. Jahrhunderts gegen Homosexualität verdient noch der Erwähnung: Das Bild des bürgerlichen Ehemanns und Familienvaters, der dem biblischen Gebot der Fortpflanzung folgt. Dieses Bild spielt zwar in der öffentlichen Argumentation bis heute eine wichtige Rolle, für persönliche Entscheidungen hat es aber kaum noch Vorbildfunktion, haben sich doch mittlerweile weit mehr Heterosexuelle und heterosexuelle Paare, als es Homosexuelle gibt, für Kinderlosigkeit entschieden. Wie wir jedoch sehen werden, läßt sich auch vom Neuen Testament her eine Verurteilung der Homosexualität  als Nachkommensverweigerung nicht halten.

 

II. Homosexualität in der Bibel und der kirchlichen Diskussion

 

Zunächst eine Vorbemerkung: Ich werde versuchen, die Begriffe Schwule und Lesben zu vermeiden, da sie Personen ausschließlich über ihre sexuelle Neigung oder Praxis definieren. Wenn wir im folgenden von Homosexualität sprechen, so sind wir uns des anachronistischen Sprachgebrauchs bewußt. Er dient einzig der Verständigung.

Ich betrachte Homosexualität nicht als eine pathologische oder perverse Form der Sexualität, sondern als eine, sei es genetisch bedingte oder/und lebensgeschichtlich erworbene Form der Sexualität, die wie jede Sexualität sich in Liebe und Verläßlichkeit (Treue) bewähren muß, die Teil unserer Identität und unseres Lebensglücks ist. Wir führen eine Diskussion im kirchlichen Bereich, d.h. wir sprechen im Kontext der christlichen Tradition, die bestimmt ist durch Schrift und Bekenntnis. Wir werden darum zunächst die biblischen Aussagen besprechen und dabei den Blick auf die Umwelt des Neuen Testaments und frühen Christentums werfen, um dann zur gegenwärtigen Diskussion zurückzukehren. Dabei wird die Frage leitend sein, wie denn mit den biblischen Aussagen umgegangen werden kann.

 

1. Altes Testament

 

Einerseits stehen die Aussagen über Homosexualität in der Bibel nicht im Zentrum der ethischen Unterweisung, andererseits sind sie von einer einmütigen Klarheit in der Beurteilung der Homosexualität.

 

Lev 18,22 und 20,13 verbieten homosexuelle Handlungen überhaupt: Lev 18,22: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel.“ Lev 20,13 fügt die Strafbestimmung hinzu: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben.“

 

Wichtig ist: Das gerne zur Begründung des Verbots der Homosexualität herangezogene Vermehrungsgebot („Seid fruchtbar und mehret euch“, Gen 1,28) findet sich an keiner Stelle. Es handelt sich dabei um sekundäre Eintragungen und, wie wir sehen werden, spielt dieser Topos auch im NT keine Rolle.

 

Beide Textstellen stehen im sog. Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26) mit der Grundforderung: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.“ Homosexuelle Handlungen verletzen also die Gottes Heiligkeit entsprechende Heiligkeit und Reinheit des Gottesvolkes, wie es auch die anderen in diesem Kontext genannten verbotenen sexuellen Handlungen tun. Natürlich wird damit Identität bestimmt: In der Nichtpraktizierung solcher sexuellen Handlungen, zu denen auch homosexuelle gehören, unterscheidet sich Israel von den umgebenden Völkern.

 

Erzählerisch begegnet im AT die Ablehnung der Homosexualität in zwei verwandten Geschichten, die bekannteste ist die von Lot und der Bedrohung seiner Gäste („Engel“) durch homosexuelle Gewalttäter aus Sodom (Gen 19); anstelle der Gäste möchte Lot lieber seine beiden Töchter preisgeben. Dieses Ansinnen ist die Sünde der Sodomiter, Sodomie etc. (Einengung auf Verkehr mit Tieren erst im 19. Jh.). Es wird immer wieder versucht, die Erzählung zu entschärfen: Lot hätte sich verdächtig gemacht als er, selbst ein Fremder, Fremde aufgenommen hätte; also ein Verstoß gegen das Gastrecht. Aber das führt nicht weiter, denn das Ansinnen der Leute von Sodom bleibt.

 

Ähnliches gilt auch für die weniger bekannte Geschichte Richter 19. Ein Reisender übernachtet in Gibea im Haus eines gastfreien Alten. Das Haus wird von den Einwohnern umstellt, die die Herausgabe des Gastes verlangen. Auch hier werden zwei Frauen angeboten (die Tochter des Gastgebers und die Nebenfrau des Gastes). Die Frau des Gastes wird zu Tode vergewaltigt.

 

Aus dieser Geschichte wird deutlich, daß es in erster Linie um Sexualität geht, hier als sexuelle Gewalt gegen Frauen, nachdem das sexuelle Begehren gegenüber Männern nicht erfüllt wurde. Damit sind die AT-Belege faktisch erschöpft. Zu nennen wäre noch Dtn 23,18f, das Verbot weiblicher und männlicher Tempelprostituierter. Davids Freundschaft mit Jonathan und seine Klage über seinen Tod, 2Sam 1,26: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir wundersamer gewesen als Frauenliebe ist.“ Das muß nicht homoerotisch gedeutet werden.

 

Die jüdische Tradition hat die Linie der Ablehnung der Homosexualität ausgezogen und durchgehend daran festgehalten. Wegen dieses prinzipiellen Konsenses wird zu erklären sein, warum das Thema in der Verkündigung Jesu überhaupt nicht vorkommt, im NT dagegen nur bei Paulus, bezeichnenderweise in seinen Briefen an die Römer und Korinther und in dem deuteropaulinischen 1Tim-Brief. Abwegig ist es, das Verhältnis Jesu und des Lieblingsjüngers als homoerotisches zu deuten: Da wird Jesus je nach Belieben ein Frauenheld/freund oder Männerfreund.

 

2. Griechisch-römische Welt

 

Wir werfen zunächst einen Blick auf die dem NT gleichzeitige und ältere Welt. Im Hinblick auf die üblichen Verklärungen Griechenlands und Roms müssen wir die Dinge differenzierter darstellen.

 

Man darf aus dem bekanntermaßen anerkannten Verhältnis eines Mannes zu einem Knaben nicht Verallgemeinerungen auf das Verhältnis von Männern zu Männern schließen. Es geht auch gar nicht um Homosexualität an sich, sondern wie und mit wem man sexuelle Praxis hat. Und das wird bestimmt im griechisch-römischen Kulturkreis von einer sozialen Weltordnung: Auf der einen Seite steht der freie Mann, auf der anderen Frauen, Kinder, Unfreie, Sklaven und zwar männlich und weiblich. Der Herrschaftsanspruch des freien Mannes schließt die sexuelle Verfügbarkeit der anderen insgesamt ein, die er ausnützen kann – und dies auch tut. Mit seinen Sklaven sexuelle Praxis zu treiben war sozial akzeptiert, daneben hatte man Verkehr mit seiner Ehefrau und/oder Hetären.

 

Gerade Knaben vor der Geschlechtsreife waren die geeigneten Sexualpartner, hier war das soziale Gefälle Mann-Heranwachsender deutlich. Der erastés (der erwachsene Liebhaber) übernahm den aktiven Teil, der erómenos (der geliebte Jüngling) die passive Rolle. Es entstanden intensive Beziehungen, die geordnet waren: Der Mann umwarb den Knaben, sorgte für sein Weiterkommen; der Knabe durfte gegenüber dem Werben des Mannes nicht zu schnell nachgeben, hatte der Mann sich doch dankbar zu erweisen.

 

Betrachtet man das Verhältnis Mann-Knabe/Ehemann-Ehefrau nebeneinander sieht man, wie sie sich quasi ergänzen. Die Frau ist auf das Haus, den Innenraum verwiesen, der Mann nach außen, in die Öffentlichkeit. Dort trifft er auch den Knaben, schaut ihm zu, wie er nackt Sport und Wettkämpfe treibt.

 

Es gab auch in der Antike Protest gegen diese Art der Liebe, aber dieser wollte weniger der Moral dienen noch dem Schutz der Knaben, sondern war prinzipieller Art: Alle Liebesleidenschaft (zu Männern oder Frauen) sollte kontrolliert werden. Aufgerufen war der freie Mann auch zum Sieg über die Lust. Schließlich hat Platon die Päderastie aus einem utopischen Staat verbannt, wieder nicht aus Gründen, die wir moralisch nennen würden, sondern weil er gegen die leidenschaftliche Ausschweifung ist. Er will auch nicht die Leidenschaft zur rechten Natur zurückführen, wenn er nur den Umgang mit Frauen zuläßt, sondern will jede Leidenschaft unterbinden, indem er einzig die Sexualität zum Zwecke der Fortpflanzung erlaubt.

 

Es gab nun einen Punkt, an dem homophiles Verhalten einmütig kritisiert und gesellschaftlich geächtet wurde: wenn das oben genannte Herrschaftsgefälle verletzt wurde. Dies wurde verletzt, wenn sich ein erwachsener Mann in die Rolle des Knaben (oder einer Frau) begab. Eine unvorstellbare Verachtung traf den männlichen freien Erwachsenen, der passiv homophil war. Verächtlich werden einige Namen genannt: 346 v.Chr. wurde gegen einen athenischen Politiker (Timarchos) deswegen ein Gerichtsverfahren eingeleitet, um ihn aus dem Amt zu jagen. Später wird Nero (zieht sich Frauenkleider an) mit demselben Vorwurf als ein Monstrum abgestempelt werden.

 

Anders als unsere sind es soziale Wertmaßstäbe: Der (freie) Mann darf nicht die Rolle des Passiven annehmen, das ist „gegen die Natur“. Anerkannt ist die aktive Beziehung eines Mannes/Herrn zu einem jungen Sklaven, der Mann ist dabei verheiratet, hat Sklavinnen, die gegebenenfalls seine Konkubinen sind, hat Kinder mit seiner Ehefrau und mit den Sklavinnen.

 

Das Bild in der Antike ist also grundsätzlich verschieden von unserer Gesprächs- und Lebenslage. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Homosexualität und Heterosexualität. Geordnete Bisexualität ist anerkannt. Die Bewertung erfolgt nicht nach moralischen Maßstäben, sondern nach sozialen (oben-unten). Die griechisch-römische Praxis kann gegenwärtige Probleme nicht lösen und zwar aus zwei Gründen: 1. Die Knabenliebe fiele als Kindersex unter die Bestimmungen des Strafgesetzbuches, 2. die Antike ächtete in entschiedener Weise Sexualität zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Erwachsenen (auch Frauen mit Frauen), die auf derselben sozialen Stufe standen. Die immer wieder begegnende Verklärung der Antike in der Argumentation beruht schlicht auf Unkenntnis.

 

Die scheinbar selbstverständliche Präsenz der Päderastie war es, was Juden und dann auch Christen vehement ablehnten, gerade darin den Inbegriff heidnischen Lebens sahen. Ein nur wenige Jahre älterer jüdischer Zeitgenosse des Paulus, Philo, der in der Großstadt Alexandria lebt, schreibt darüber:

 

„Es hat sich aber in den Städten noch ein anderes, weit ärgeres Übel eingenistet, die Knabenliebe: Während es früher als große Schande galt, auch nur davon zu sprechen, rühmen sich ihrer jetzt nicht nur die, welche sie üben, sondern auch diejenigen, die sich dazu gebrauchen lassen; zu krankhafter Frauenart haben sie sich durch Gewöhnung erzogen, geben Leib und Seele dem Verfall preis und lassen gleichsam keinen Funken ihrer Mannesart mehr fortglimmen (mit auffallend gekämmtem Haupthaar, wohlgeputzt, die Augen mit Bleiweiß, Purpurfarbe und ähnlichen Dingen geschminkt und bemalt, mit duftenden Salben fein gesalbt – denn an allen sorgfältig herausgeputzten Menschen übt von solchen Reizmitteln der schöne Duft am stärksten anlockende Wirkung aus -) schämen sie sich nicht, künstlich durch gewisse Mittel ihre männliche Art in weibliche umzuwandeln. Gegen diese Menschen muß man schonungslos vorgehen nach der Vorschrift des Gesetzes, daß man den Androgynen, der das Gepräge der Natur verfälscht, unbedenklich töten und keinen Tag, ja keine Stunde am Leben lassen soll, da er sich, seinem Hause, seinem Vaterlande und dem ganzen Menschengeschlecht zur Schande gereicht. Und der Päderast soll wissen, daß ihn die gleiche Strafe trifft, weil er widernatürlicher (para physin) Lust nachgeht und an seinem Teile auf die Verödung und Entvölkerung der Städte hinarbeitet, wenn er seinen Samen zu Grunde richtet, weil er sich ferner zum Verkünder und Lehrer schlimmsten Laster macht, der Unmännlichkeit und Weichlichkeit … .“

 

Bemerkenswert ist Philos Ablehnung der Päderastie, wichtig aber – und darin spricht sich jüdische Sicht aus -, Philo verachtet nicht nur den passiven Sexualpartner, sondern er wirft dem aktiven Asozialität und widernatürliche Lust vor, die zu einer Entvölkerung der Städte führt: Das Gebot Gen 1,28 „fruchtbar und mehren“ wird dabei verletzt („gleiche Strafe“: Lev 20 Todesurteil). Zwei Aspekte: Jetzt taucht Gen 1,28 auf, das den Diskurs bis heute bestimmt; Philo greift auf das alttestamentliche Strafrecht (Todesstrafe) zurück.

 

3. Paulus

 

In die Reihe der Verurteilung heidnischen Lebens läßt sich die Argumentation des Paulus in 1Kor 6,9f stellen: „Oder wißt ihr nicht, daß Ungerechte Gottes Reich nicht erben werden? Irrt euch nicht: Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Weichlinge (malakoi), noch Päderasten (ajrsenokoi'tai), noch Diebe, noch Habsüchtige, nicht Trunkenbolde, nicht Lästerer, nicht Räuber werden das Reich Gottes ererben.“

 

Hier wird deutlich heidnisches Leben gebrandmarkt, und hier ist die jüdische Tradition leitend, und deren Beurteilung heidnischen Lebens, das neben den moralisch verwerflichen Handlungen durch Götzendienst charakterisiert ist. Paulus nennt die Vergehen gegenüber der Ehe: der eigenen durch das sich Einlassen mit Huren; der fremden des Ehebruchs, daneben beide Funktionen, in denen Verkehr unter Männern stattfindet: der aktive Päderast (ajrsenokovth") und der passive „Lustknabe“ (malakov"; Weichling). Dies gehört für die Gemeinde in Korinth der Vergangenheit an. Paulus fügt nämlich hinzu: „Und das waren einige von euch. Aber ihr seid abgewaschen worden, aber ihr seid geheiligt worden, aber ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“

 

Wie die ganze pagane Antike der Meinung war, daß jede Form der Sexualität selbstgewählt ist, Homosexualität also nicht auf etwas beruht, das wir „Veranlagung“ nennen, so rechnet Paulus damit, daß auch sie für Christen der Vergangenheit angehört: „Aber jetzt …“. Es ist auffällig und bezeichnend, daß darin wieder der Begriff der Heiligung vorkommt, eben jener bestimmende Gedanke, der schon im Heiligkeitsgesetz des AT leitend war: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ Gleich am Anfang in 6,1 nennt Paulus die Korinther „Heilige“.

 

Wir müssen uns noch etwas genauer die Situation der korinthischen Gemeinde vor Augen halten, wie sie dem näheren Kontext zu entnehmen ist. Zu Beginn von Kapitel 5 sieht sich Paulus genötigt, mit harten Worten die Gemeinde zu tadeln, da sie bei einem sexuellen Vergehen in ihrer Mitte, Inzest, untätig geblieben war. Obwohl leiblich abwesend, ergreift Paulus drastische Maßnahmen, denn dieser „Sauerteig“ könnte den ganzen Teig durchsäuern. Diesen dürfte es überhaupt nicht mehr geben, denn es ist Passa, die Zeit ohne Sauerteig. Aber die Korinther leben so, als wäre nichts geschehen. Sie leben unzeitgemäß. Natürlich können sie nicht aus dieser Welt auswandern, um mit deren Sündern nichts mehr zu tun zu haben, aber daß sie, die einst die Welt und sogar die Engel richten werden, mit ihren Streitsachen vor weltliche Gerichte gehen, das zeigt wieder einmal, daß sie nicht entsprechend der Neuheit des Geistes leben. Schlimmer noch: Es ist ja schon eine „Niederlage“,  daß sie Rechtsstreitigkeiten haben. Dem neuen Sein angemessen wären Rechtsverzicht und die Bereitschaft, lieber Unrecht zu erleiden als zu tun. Es ist offensichtlich, daß hier an Jesusüberlieferung erinnert wird. „Ihr aber“, fährt Paulus entrüstet fort, „begeht Unrecht und ihr begeht Raub – und das an Brüdern!“ In eine rhetorische Frage („Oder wißt ihr nicht ...?“) kleidet Paulus die grundsätzliche Aussage: Ungerechte werden Gottes Herrschaft nicht erben/als Anteil bekommen. Die Korinther waren mit dieser biblischen Redeweise offenbar wohl vertraut. Sie entspricht dem Eingehen in die Gottesherrschaft der Jesusüberlieferung.

Was „Ungerechte“ sind, das macht Paulus in einem Lasterkatalog von zehn Gliedern deutlich, den er mit der Warnung vor Selbsttäuschung einleitet. An erster Stelle stehen die „Hurer“, was ganz dem Kontext entspricht, gefolgt von den „Götzendienern“, womit Paulus ein weiteres Thema seiner Auseinandersetzung mit den Korinthern anklingen läßt.

Dem nachfolgenden „Ehebrecher“ läßt Paulus die männliche Homosexualität folgen, wobei er die beiden darin eingenommenen Rollen nennt. Die folgenden Laster sind bereits aus Kap. 5 bekannt: Habgierige, Säufer, Lästerer und Räuber. Auch wenn nicht ausdrücklich angespielt wird, so ist doch offensichtlich, daß Teile des Dekalogs Pate gestanden haben. Daß nicht der ganze Dekalog im Blick ist, hängt wohl mit der spezifischen Lage und Konfliktsituation mit der korinthischen Gemeinde zusammen: Unrecht tun und sich gegenseitig berauben auf der einen Seite, sexuelle Mißstände auf der andern. Als spezielle Form des im Dekalog verbotenen Ehebruchs fügt Paulus die Ausübung der Homosexualität unter Männern hinzu; auch beim Ehebruch hat er Männer vor Augen.

 

Dies alles gehört aber der vergangenen Zeit und Existenz an! „Und das waren einige von euch!“

„Aber ihr seid abgewaschen worden, aber ihr seid geheiligt worden, aber ihr seid gerecht gemacht worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“

 

Ich will betont darauf verweisen, daß wir hier, wie auch sonst nirgendwo, einen Traktat über Homosexualität vor uns haben, sondern daß wir hier eine die korinthische Situation beleuchtende Aufzählung von Personen(gruppen) vor uns haben, zu denen einst einige der korinthischen Christen gehört haben. Der Skandal ist, daß sich in Korinth Christen so verhalten, als wäre alles beim Alten. Päderastie gehört zu dem, was eigentlich vergangen sein müßte wie Habgier, Trunksucht und Lästereien.

 

Es ist auffällig – und wir werden es im 1Tim und der Didache beobachten – daß durchweg zum Dekalogverbot des Ehebruchs die Päderastie hinzugefügt wird. Daraus lassen sich zwei Beobachtungen ableiten: 1. Auch wenn in frühchristlichen Gemeinden das Verbot des Ehe-bruchs akzeptiert war, so stellte sich die Frage, ob Päderastie in dieses Verbot eingeschlossen ist. Dies wird ausdrücklich bejaht. 2. Eine solche Frage konnte nur dort aufbrechen, wo Bisexualität eine nicht hinterfragte Realität war.

 

Wir stellen uns folgende Problematik vor: Ein Mann, der Christ geworden ist, hält sich an das Verbot des Ehebruchs. Darf er dann zu einer Prostituierten? Paulus wird sogleich im Anschluß an unsere Perikope dies vehement verneinen. OK. Darf er dann mit einem jungen Mann geschlechtlichen Verkehr haben? Auch das wäre – Paulus sagt es implizit – Ehebruch. Und darf ein junger Mann, der noch nicht ehemäßig gebunden ist, als Sexualpartner zur Verfügung stehen? Paulus antwortet: Wenn das eine nicht statthaft ist, ist es das andere auch nicht.

 

Exkurs: 1Tim 1,10, Didache 2,2-7, Barnabas 10,6-8

 

Bevor wir uns der paulinischen Schlüsselstelle Röm 1,26ff zuwenden werfen wir einen Blick auf den deuteropaulinischen 1Tim 1,8-11.

 

Im Kontext heißt es: (8) „Wir wissen aber, dass das Gesetz gut ist, wenn man es gesetzesentsprechend gebraucht, (9) (und zwar) in dem Wissen, dass das Gesetz nicht für den Gerechten gegeben ist, vielmehr für

Gesetzlose und Aufrührer,

Gottlose und Sünder,

Unheilige und Befleckte,

Vatermörder und Muttermörder,

Totschläger,

(10) Unzüchtige (Hurer), Päderasten,

Menschenhändler,

Lügner, Meineidige –

Und was sonst der gesunden Lehre widerstreitet (11) nach dem Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes, mit dem ich betraut worden bin.“

 

Das Gesetz hat nach der Ansicht des Verfassers der Pastoralbriefe die Bedeutung, die Übertreter erkennbar zu machen. Was Gesetzesübertretung ist, das faßt er in vierzehn starken Begriffen zusammen, von denen zehn überhaupt nur hier in neutestamentlichen Lasterkatalogen vorkommen. Die massivsten Vergehen im zwischenmenschlichen Bereich, wie Vatermörder, Muttermörder, Totschläger, Menschenhändler/-räuber, (Meineidige) sind überhaupt nur hier im NT zu finden. Den Päderasten kennen wir dagegen aus 1Kor 6, 9.

Nun ist die Liste nicht einfach eine Aufzählung besonders gravierender Vergehen, sondern – der Thematik „Gesetz“ verpflichtet – am Dekalog orientiert, auch wenn sprachlich kaum auf den dortigen Wortlaut bezug genommen wird. Das könnte dafür sprechen, daß es sich um eine traditionelle Lasterliste handelt, die der jüdisch-hellenistischen Synagoge entstammt. Die Liste ist zweigeteilt in Verfehlungen gegenüber Gott (1. Tafel) und Verfehlungen gegenüber Menschen (2. Tafel).

 

„Gesetzlose und Aufrührer, Gottlose und Sünder, Unheilige und Befleckte“ sind die Übertreter der ersten beiden Gebote (die Sabbatheiligung ist nicht eigens aufgeführt, aber Verletzung des Sabbats ist mit eingeschlossen).

Ab dem 4. Gebot werden die Entsprechungen explizit:

Vater und Mutter ehren (4. Gebot): Vatermörder und Muttermörder

Töten (5.): Totschläger

Ehebrechen (6.): Unzüchtige, Päderasten

Stehlen (7.): Menschenräuber/ -händler

Falsch Zeugnis reden (8.): Lügner, Meineidige

In der allgemeinen Wendung werden die beiden Gebote des Nichtbegehrens (9. Haus; 10. Frau etc.) zusammengefasst.

 

In unserm Kontext ist wichtig, daß Unzucht/Hurerei und Päderastie dem Ehebrechen assoziiert sind, d.h. diese sind Verstöße gegen den Dekalog. Dabei wird jeweils die extremste Art des Vergehens benannt. Zwei Aspekte sind wichtig: Die aufgezählten Vergehen sind im Dekalog mit gemeint; ihre Ausübung ist Dekalogübertretung.

 

Die Argumentation greift nicht auf die Schöpfungsordnung zurück, sondern zählt Päderastie zu den Vergehen die die Gemeinschaft zerstören, die durch die Gebote der zweiten Tafel geschützt werden soll. All das könnte auch in einem jüdisch-hellenistischen Traktat stehen, wenn nicht ein expliziter Rückbezug auf das Evangelium stattfände in dem Sinne: Wer so handelt, wie die Liste ausgeführt hat, der verstößt nicht nur gegen den Dekalog, sondern das Evangelium, das allein rettend ist.

 

In ganz ähnlicher Weise orientiert sich die Didache in der Verbotsreihe 2,2-7 am Dekalog, und Sie werden leicht die Ergänzungen erkennen, darunter auch eine ganz spezifisch unserm Thema zugehörige:

 

(2) „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht Knaben schänden (ou paidophthoräseis), du sollst nicht unzüchtig sein (ou porneuseis), du sollst nicht stehlen, du sollst nicht Zauberei treiben, du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreibung töten, noch das Neugeborene umbringen. Du sollst nicht nach dem Besitz deines Nächsten verlangen. (3) Du sollst nicht falsch schwören, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht schmähen, du sollst nicht Böses nachtragen.“ (etc.). „Du sollst nicht ehebrechen“ wird hier ergänzt durch das Verbot des homosexuellen Verkehrs mit einem Jüngeren und überhaupt durch sexuelle Betätigung außerhalb der Ehe („Hurerei“).

 

Sitz im Leben ist, wie auch für 1Kor und 1Tim, das Leben der überwiegend heidenchristlichen Gemeinde in ihrer paganen Umgebung. Es soll deutlich gemacht werden, daß das Dekaloggebot „Du sollst nicht ehebrechen“ nicht auf die Verletzung der Ehe (ob eigener oder anderer) zu begrenzen ist, sondern auch jedwede – und damit auch homosexuelle – sexuelle Betätigung außerhalb der Ehe. Sowohl in 1Tim als auch in Didache stehen neben dem Päderasten die Hurer (das heißt: die sexuell Regellosen). Das setzt fort, was Paulus in 1Kor 6, 9 zusammengestellt hatte: Neben den Hurern und Götzendienern stehen die Ehebrecher und die praktizierenden Homosexuellen (jeweils entsprechend ihrer Rolle als passive oder aktive).

 

Auf welchem theologischen Niveau hier argumentiert wird sieht man im Vergleich mit dem nur wenig späteren Barnabasbrief, der das Verbot bestimmter sexueller Praktiken aus der allegorischen Gesetzesauslegung ableitet. Unter den zum Verzehr verbotenen Tieren werden in Lev 11 u.a. Hase, Hyäne und Wiesel genannt. Der Verfasser des Barnabasbriefes weiß natürlich, warum (10, 6-8):

 

(6) „Aber auch den Hasen sollst du nicht essen; warum? Ja nicht, meint er (scil. Mose) sollst du ein Knabenschänder werden und dich solchen angleichen; denn der Hase vermehrt jährlich den After; wie viele Jahre er nämlich lebt, so viele Öffnungen hat er.

(7) ‚Aber auch die Hyäne sollst du nicht essen;’ Ja nicht, meint er, sollst du ein Ehebrecher noch ein Schänder werden noch dich solchen angleichen. Warum? Weil dieses Tier jährlich seine Wesensart wandelt und bald männlich, bald weiblich wird.

(8) Aber auch das Wiesel hat er zu Recht verabscheut. Ja nicht, meint er, sollst du wie so einer werden, noch (dich) solchen angleichen noch anschließen, von welcher Art wir hören, daß sie aus Lasterhaftigkeit Unzucht mit dem Mund treiben, noch schließe dich den Lasterhaften an, die Unzucht mit dem Mund treiben. Denn dieses Tier empfängt mit dem Maul.“

 

Die Speisegebote werden nach Barn von den Juden völlig mißverstanden, wenn sie wörtlich eingehalten werden. In Wirklichkeit verbietet das Gesetz mit dem Verbot, Hase, Hyäne und Wiesel zu verspeisen, Sexualpraktiken, die die Antike (z.B. im Physiologus) bei diesen Tieren gefunden hat: Der Hase steht für homosexuellen Analverkehr, die Hyäne für Homosexualität überhaupt, das Wiesel für Oralverkehr.

 

Der zentrale Text bei Paulus ist Röm 1,18-32, und er ist der einzige neutestamentliche Text, der von dem spricht, was gemeinhin heute unter „Homosexualität“ verstanden wird:

 

(18) „Denn offenbart wird Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit niederhalten. (19) Denn was erkennbar ist von Gott, ist offenbar bei ihnen. Denn Gott hat es ihnen kundgetan. (20) Denn seine Unsichtbarkeit wird seit Beginn der Schöpfung an seinen Werken kraft vernünftiger Einsicht wahrgenommen, seine ewige Kraft und Gottheit, so daß sie ohne Entschuldigung sind. (21) Denn obwohl sie Gott erkannt haben, haben sie ihm als Gott nicht Ehre und Dank dargebracht, sondern sie wurden zunichte gemacht in ihren Gedanken und verfinstert wurde ihr unverständiges Herz. (22) Indem sie behaupteten, weise zu sein, wurden sie töricht (23) und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit der Gleichgestalt des Bildes des vergänglichen Menschen und von Vögeln und Vierfüßlern und Kriechtieren. (24) Darum hat Gott sie dahingegeben in den Begierden ihrer Herzen an Unreinheit, daß ihre Leiber geschändet würden durch sie selbst. (25) Haben sie doch die Wahrheit Gottes verkehrt in den Trug und Verehrung und Dienst erwiesen der Schöpfung statt dem Schöpfer – er sei gepriesen in Ewigkeit. Amen. (26) Darum hat Gott sie dahingegeben an schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen. (27) Ebenso sind auch die Männer, den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassend, in ihrem Verlangen gegenseitig entbrannt. Männer treiben mit Männern Schande und empfangen den gebührenden Lohn an sich selbst. (28) Und weil sie es nicht wert geachtet haben, Gott zu haben in Erkenntnis, hat Gott sie dahingegeben an haltlosen Sinn, zu tun, was sich nicht gehört. (29) Erfüllt von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habsucht, Bosheit; voll von Neid, Mord, Streit, List, Verschlagenheit; Ohrenbläser, (30) Verleumder, Gotteshasser, Gewalttäter, Überhebliche, Prahler; erfinderisch im Bösen, den Eltern Ungehorsame, (31) unverständig, unbeständig, lieblos, ohne Erbarmen. (32) Obwohl sie Gottes Rechtssetzung kennen, daß die, die dies tun, des Todes schuldig sind, tun sie es nicht nur, sondern zollen auch denen Beifall, die es tun.“

 

Röm 1,18ff zeigt Paulus, daß alle Menschen unter der Herrschaft der Sünde sind und der Zorn Gottes, Gottes Gericht über sie offenbart wird. Grundsünde des Menschen ist der Götzendienst, d.h. die Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf. Das Wissen um den Schöpfer und die Gottheit Gottes ist allen Menschen, auch Heiden, zugänglich, weil er in seinen Werken offenbar und von der Vernunft wahrnehmbar ist. Und so gibt es auch für Heiden keine Entschuldigung: V. 21.

 

Der zweite Teil dieses Verses zeigt die tödliche Folge: das Verfallen der Vernunft an das Nichtige und die Verfinsterung des Herzens. Daraus rührt die falsche Selbstwahrnehmung („weise zu sein und sind Toren“) und die „Verwechslung der Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit den Abbildern vergänglicher Gestalten“ (E. Stegemann 74). Dieses Verwechseln von Schöpfer und Geschöpf hat zur Konsequenz die Verwechslung der Ordnung in den menschlichen Beziehungen. Die Konsequenzen – so Paulus – haben sich die Menschen selbst zuzuschreiben. Eklatanter Ausdruck ist die in V. 27 geschilderte Verkehrung der natürlichen Ordnung in der Sexualität, ihr folgen in 28-31 soziale Perversionen. Das Ganze rührt her von der „Ursünde“ des Menschen, Gott nicht als Gott anzuerkennen. V. 32: Todesgeschick; sie tun es nicht nur selbst, sondern akklamieren auch beifällig.

 

Daß unter diesen Vergehen an prominenter Stelle Homosexualität von Frauen und Männern erscheint, hängt damit zusammen, daß Paulus in diesem Verwechseln am sinnfälligsten jene Ursünde des Verwechselns von Schöpfer und Geschöpf deutlich machen kann. Hinzu kommt, daß vom jüdischen Blickwinkel her dies als besonders typisch für die heidnische Welt erachtet wurde. Wichtig ist, daß Homosexualität zwar den breitesten Raum einnimmt, mit den anderen Vergehen aber qualitativ (im negativen Sinn) auf einer Ebene steht, insofern sie alle unter die Todeswürdigkeit fallen. Aus dem Begriff des „Verwechselns“ kann man nicht schließen, Paulus meine hier Heterosexuelle, die sich – gegen ihre Natur – homosexuell betätigen wie heute zuweilen angenommen wird, um die Härte der Aussage zu mildern. Wie ich vorhin schon sagte, Paulus denkt – wie die Antike – nicht an Veranlagung, sondern an willentliches Tun.

 

Hier wird die religiöse Motivation in der Ablehnung der Homosexualität überdeutlich. Paulus verknüpft männliche und weibliche Homosexualität mit der Gottlosigkeit als Konsequenz aus der Verehrung des Geschöpfs, nicht des Schöpfers. Daß Paulus dabei auch von weiblicher Homosexualität spricht, zeigt die Radikalität seiner Position. Der Zusammenhang mit Götzendienst geht zurück auf die alttestamentlich-jüdische Bewertung der Homosexualität, die darin ja typisch heidnische Religiosität sah.

 

III. Abschließende Überlegungen

 

Was tun wir mit einem solchen Befund? Lassen Sie mich noch einmal bei dem zu Griechenland und Rom Gesagten ansetzen, dem ich ein wenig von seiner Verklärung nehmen wollte. Die Herrschaftsform, in der dort Sexualität ausgeübt wurde, kann und darf nicht bestimmend weder für hetero- noch für homosexuelles Verhalten sein. Alle Sexualität muß in einer gleichberechtigten, liebenden und verläßlichen Weise (gemeinhin Treue genannt) gelebt werden. Und so stellt auch aus diesem Grund die pagane Antike kein Modell für heutiges Verhalten dar. Paulus werden wir entgegenhalten können und müssen, daß Homosexualität weithin nicht selbstgewählter Lustgewinn, sondern Veranlagung oder Prägung ist. Theologisch gesehen ist sie dann Teil unser Geschöpflichkeit und kann und soll als solche angenommen werden. Niemand hat das Recht, von anderen freiwilligen Verzicht zu verlangen. Vielmehr muß christliche Gemeinde mithelfen, Bedingungen zu schaffen, in denen Hetero- und Homosexuelle in Würde und gegenseitiger Achtung liebende Partnerschaft leben können. Dies könnte auch helfen, daß Homosexualität nicht geradezu zu einer Obsession führt, die alles Denken und Handeln bestimmt. Auch Heterosexualität kann zur Obsession werden und wird so in der Öffentlichkeit propagiert. Paulus hat hier selbst einen Weg gewiesen, in dem das Unvereinbare eins wird: „Es ist jetzt nicht mehr Jude noch Grieche, Sklave noch Freier, Mann und Frau; ihr alle seid eins in Christus Jesus“ (Gal 3,28). In Christus gibt es die Differenz der angeblich unüberwindbaren Gegensätze nicht mehr.

 

Ich will noch einmal daran erinnern: Homosexualität ist kein Hauptgegenstand christlicher Lehre, sondern lediglich Teil der ethischen, an den 10 Geboten orientierten Unterweisung.

 

Ich muß am Ende noch auf einige nur angerissene oder offen gelassene Fragen eingehen.

 

Zu den biblischen Grund- und Kernaussagen gehört der Zuspruch, daß wir von Gott angenommen sind,  wie wir sind, in unserer Gebrochenheit und Sündhaftigkeit, in unserer Erlösungsbedürftigkeit. Es kann also nicht die Frage sein, ob es weniger sündhaft und weniger gebrochen gibt – und wir das auch wüßten -, sondern daß wir ausnahmslos von der Zuwendung Gottes in Jesus Christus leben. Unser Lebensentwurf kommt von dieser bedingungslosen (ich sage „bedingungslos“ gerade im Horizont unseres Themas) Annahme her. Und weil wir bedingungslos angenommen sind, können wir uns selbst annehmen. Das meint uns ganz. Wir verstehen es gerne so: Mit dem Leichten und Glücklichen an uns haben wir es ja leicht, aber wir sollen jedoch auch das Schwere annehmen. Das ist schon etwas. Aber wir sollen uns ganz annehmen, weil wir auch ganz angenommen sind. Das könnte man jetzt im Blick auf die Sexualität durchkonjugieren. Da würde sich herausstellen, was wir aus der Grammatik kennen: Daß es bei den gebräuchlichsten Verben die meisten Unregelmäßigkeiten gibt. Oder zurück zur theologischen Sprache: Der Schöpfer ist in der Vielfalt dessen, was er hervorbringt, unkontrollierbar. Ich berühre hier bewußt noch einmal den umstrittenen Punkt der schöpfungsmäßigen Veranlagung. Paulus, wie alle Alten, wäre hier nicht gefolgt. Für die Antike war die Entscheidung für eine bestimmte Form – besser: für bestimmte Formen – der Sexualität nicht determiniert, sondern frei gewählt. Gewiß, Paulus geht einen Schritt weiter: Wegen der Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf hat Gott Frauen und Männer zum Tun des Frevlerischen „dahingegeben.“ Aber sie hatten die Grundentscheidung getroffen.

 

Ich könnte es mir jetzt leicht machen, wollte ich die Ablehnung der Homosexualität durch Paulus in seine praktische Reserve gegenüber der Ehe und Sexualität einordnen. Das würde Paulus nicht gerecht, unterscheidet er doch durchaus zwei Ebenen. Wenn er über Ehe und Ehelosigkeit als von verschiedenen Charismen spricht, so nennt er Homosexualität doch nie ein Charisma. Warum? Die Antwort ist ganz einfach: Weil Homosexualität freie Wahl ist, und zwar die falsche, aber freie. Hier geht Paulus von andern Voraussetzungen aus, als uns heute möglich sind. Die Schöpfungsordnung – „Als Mann und Frau hat er sie geschaffen“, und „Seid fruchtbar und mehret euch“ hebt nicht die Schöpfungswirklichkeit auf.

 

Und dabei sind wir beim zweiten Punkt, dem Einwand, männliche und weibliche homosexuelle Praxis würde Gen 1,28 „Seid fruchtbar und mehret euch“ entgegenstehen. Ich kann das nur mit Erstaunen hören. Denn, 1. wird die Ablehnung der Homosexualität in biblischen Texten nie als Verstoß gegen Gen 1,28 gebrandmarkt (das geschieht später, aber bezeichnenderweise nicht im NT); zweitens gab es schon seit biblischer Zeit anlagebedingte Nichterfüllung dieses Gebots, und drittens – ich wies schon darauf hin – entscheiden sich heute mehr heterosexuelle Paare als es Homosexuelle gibt für Kinderlosigkeit. Wer für Gen 1,28 streiten möchte – und dafür habe ich volles Verständnis und gebe jede Unterstützung -, der soll sich nicht an Homosexuelle, sondern an Heterosexuelle wenden; sie sind heute die größere Verweigerungsgruppe.

 

Der letzte Punkt betrifft unseren Umgang miteinander. Sexualität ist ein so kostbares Geschenk und intimes Geheimnis, daß ich wünschte, niemand wüßte, wie ich sexuell veranlagt bin und mich verhalte, und ich wüßte es von keiner und keinem andern. Aber die Verhältnisse, die sind nun mal nicht so. Wir wissen von einander viel zu viel. Oder wissen wir letztlich zu wenig? Jedenfalls sieht es so aus, als ob wir das Falsche voneinander wüßten.

Das „Richtige“ würde in einem Wort zusammengefaßt Antwort auf alle Unsicherheiten geben: Liebe.

 

Das heißt auch, daß wir offener über Sexualität reden müssen – nicht lauter oder schriller oder schockierender – sondern offen und behutsam. Und wir wollen uns auch klarmachen und nicht verschweigen, daß Heterosexualität nicht von vornherein einen angemessenen und verantwortlichen Umgang mit der eigenen Sexualität bedeutet. Auch hier gibt es das Überschreiten von Grenzen, die die andere/den anderen zum Werkzeug der eigenen Interessen machen und ihn/sie entwürdigen. Auch Heterosexualität geschieht jenseits von Eden.